Scheiße, das ist nicht der Untergang!

Die AfD sitzt jetzt im Bundestag, und zwar mit 94 Personen. 12,6 Prozent der Stimmen erreichte eine Partei, die vielleicht keine Neonazi-Partei ist, in der aber definitiv einige Neonazis eine neue politische Heimat gefunden haben. Plus viele von der Sorte Mensch, über die ich mich mit Vorliebe aufrege: Diejenigen, denen es eigentlich gut geht, die aber trotzdem vom „Untergang Deutschlands“ faseln.

Ich will nicht sagen, dass mich das Ergebnis der Bundestagswahl gestern überrascht hat. Es fühlt sich trotzdem scheiße an. Weil es zeigt, dass Angst vor einem einzigen Thema genügt, um die Menschen über Inhalte und Wahlprogramme hinwegsehen zu lassen. Die Angst vor „Überfremdung“ durch, wie die AfD es immer nennt, „unkontrollierte Zuwanderung“. Der fanatische Fokus auf Polizeimeldungen (den auch die Medien in sozialen Netzwerken befeuern, weil diese Meldungen gut geklickt werden) erzeugt bei diesen Menschen den Eindruck, in Deutschland herrsche überall und täglich Mord und Totschlag – und hinter jeder Ecke lauere ein notgeiler oder allgemein krimineller Ausländer. Im „Spiegel“ habe ich letztens über Alice Weidel gelesen, sie googele jeden Morgen nach dem Aufstehen die Worte „Mann“ und „Messer“. Ernsthaft?! Was ist das für ein Leben?

Ich habe nicht mehr Angst als früher, allein nachts in der Stadt. Die Untergangsstimmung überlasse ich lieber denen von der AfD. Wer immer nur Nachrichten zu einem bestimmten Thema liest, wird mehr davon präsentiert bekommen, dafür sorgen diverse Algorithmen auf Google und Facebook. Irgendwann traut man sich dann vielleicht tatsächlich nicht mehr vor die Tür. So jemanden als Nazi zu bezeichnen, ist tatsächlich nicht klug. Und hier müssen sich auch die Menschen, die ich sehr schätze und die sich als Mitglieder einer toleranten Linken verstehen, auch an die eigene Nase fassen. Die sogenannte „Nazikeule“ hat es den Funktionären der AfD besonders leicht gemacht, die Opferrolle zu hegen und pflegen. Es gibt schon Unterschiede zwischen richtigen „Nazis“ (korrekt müsste es allerdings „Neonazis“ heißen) und ängstlichen Menschen – auch wenn diese Angst sich in Fremdenfeindlichkeit ausdrückt.

Versteht mich nicht falsch. Ich betreibe ein bisschen Ursachenforschung. Ich bin entsetzt über die Dummheit vieler Menschen, die offenbar die AfD gewählt haben, einfach nur um den anderen Parteien einen „Denkzettel“ zu verpassen. Auf Facebook habe ich diverse recht vernünftig formulierte Kommentare gelesen, die ungefähr so gingen: „Ich habe einfach Angst, dass meine Kinder in Zukunft die Außenseiter sind, weil sie Deutsche sind. Ich weiß, dass die AfD daran nichts ändern kann, und ich stimme auch nicht mit allem überein, was die AfD will. Aber ich wähle sie trotzdem, weil sie die einzige Partei ist, die etwas gegen die unkontrollierte Zuwanderung tun will.“ Oder auch: „Merkel wird ohnehin wieder Kanzlerin werden. Schulz hat doch eh keine Chance. Deshalb wähle ich die AfD.“ 

WTF?

Ich saß dann immer fassungslos vor dem Bildschirm. Die Schuld an dieser kruden Argumentation tragen die anderen Parteien, die SPD, Grünen, Linken, meinetwegen auch die FDP, die es versäumt haben, den Menschen Hoffnung zu geben. Aber hatten sie überhaupt eine Chance, den Einzug der AfD ins Parlament zu verhindern? Mein Eindruck ist: Nein. Nicht, wenn man die Grundprämisse, dass Deutschland Flüchtlinge aufnehmen und Verfolgten Asyl gewähren sollte, aufrecht halten will.

Völlig zu Recht sind die Menschen wütend über Fälle wie den des Flüchtlings Hussein K., der mutmaßlich eine Studentin in Freiburg vergewaltigte und ermordete. Die Menschen verlangen zu Recht, dass so etwas nicht passiert. Doch seit wann kann der Staat Verbrechen mit absoluter Sicherheit verhindern – egal, ob von Ausländern oder Deutschen? Die Schlussfolgerung, die Grenzen müssten geschlossen werden, ist eben nicht mit menschenrechtlichen Verpflichtungen vereinbar. Eine Zwickmühle, die als Untätigkeit verstanden wird. Dass niemand in der Regierung tatsächlich eine „unkontrollierte“ Zuwanderung befürwortet und Martin Schulz mehrfach eine internationale Lösung und mehr Solidarität in Europa bei der Flüchtlingskrise eingefordert hat, hilft da auch nicht mehr. Selbst ein Einschwenken auf den Kurs der AfD hätte dieser wohl genutzt, weil man die AfD als Original und die Regierungsparteien als Kopie angesehen hätte.

In den Köpfen mancher Journalisten hat sich der sicher redliche Gedanke festgesetzt: „Wir müssen die AfD verhindern“. Ich habe mir das auch gewünscht. Tatsache ist aber: Egal, was man getan hat, es hat der AfD geholfen oder zumindest nicht geschadet. Mit Wonne haben sich die Medien auf jedes weitere Zeichen rassistischer, völkischer und homophober Ideologie der AfD gestürzt. Es hat nichts genützt. Berichtete man über die Inhalte der AfD, wurde einem von linker Seite vorgeworfen, man würde der AfD zu viel Plattform geben, das würde der Partei nützen – und vielleicht war es auch so.

Ich dachte lange Zeit, man müsste nur sachlich über die AfD berichten, dann würde sich der Vorwurf der „Lügenpresse“ erübrigen und die Menschen würden sehen, dass diese Partei keine inhaltliche Vision für mehr Gerechtigkeit in Deutschland hat. Das, plus die rechtsradikale Rhetorik vieler Parteiunterstützer und -funktionäre und Kommentatoren in den sozialen Netzwerken – und jeder würde wissen, dass diese Partei unwählbar ist. Ich glaube immer noch, dass das der richtige Weg war. Genützt hat es aber nichts. Denn die Menschen, die die AfD gewählt haben, wurden von all dem nicht erreicht.

Ich habe dazu keine Umfrage gemacht, kann also nur von mir selbst sprechen – aber ich lasse mich nicht von negativer Presse davon überzeugen, dass etwas, an das ich grundsätzlich glaube, falsch ist. Warum sollten also die AfD-Anhänger das tun? Menschen sind nicht so einfach beeinflussbar. Im Gegenteil: Es könnte ein Sturheits-Effekt einsetzen, nach dem Motto: „Je mehr ihr mir sagt, dass das falsch ist, desto mehr glaube ich, dass ihr lügt.“ Schon bei den US-Wahlen hatte ich den Eindruck, dass die verzweifelten Bemühungen von Medien wie der „New York Times“ Donald Trump eher halfen als ihm schadeten. Oder die Menschen lesen diese Nachrichten gar nicht, weil sie sich aufgrund ihrer Grundhaltung sowieso in anderen medialen Kreisen bewegen.

Es gibt einfach Menschen, die werden wütend, nur weil in der Straßenbahn viele Menschen kein Deutsch sprechen, sondern Arabisch, Türkisch, Russisch. Es gibt Menschen, die von sich behaupten, nichts gegen Schwule zu haben, aber wütend werden, wenn dieser Gruppe die gleichen Rechte (Ehe für alle) oder an Gedenktagen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden („Und wer hisst eine Flagge für die Heterosexuellen??“). Es gibt Menschen, die werden wütend, weil sie den „Negerkuss“ jetzt „Schokokuss“ nennen sollen. Wütend, weil sich die Lehrer dank der Inklusion nur noch um die Kinder mit Behinderungen und Migranten kümmern, und nicht mehr um die „normalen“ Kinder („Wer will da schon noch Normalo sein?“). Die die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen wollen, als Abschreckung.

Diesen Menschen kann man nicht helfen. Und diesen Menschen möchte ich nur sagen: Toll, hier habt ihr euren Denkzettel. Ihr habt versprochen, Merkel abzuschaffen – und hier sind wird, und haben sie vier weitere Jahre als Kanzlerin. Und im Parlament sitzen Menschen wie Jens Maier von der AfD, die Angst vor der Herstellung von „Mischvölkern“ haben und den „Schuldkult“ um den Holocaust beenden wollen. Ihr habt behauptet, das Land vor dem Untergang zu retten. Besser habt ihr es damit nicht gemacht. Aber der Weltuntergang ist diese Wahl auch nicht. So wichtig seid ihr nicht.

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„Kopf ab und gut.“ Oder: Warum ich die Debatten oft müde bin.

Seit einem Jahr habe ich hier nichts geschrieben. Pfui, pfui. Als ich gerade in die Statistik des Blogs geschaut habe, hat es mich überrascht, dass trotzdem recht viele Besucher da waren. Das muss daran liegen, dass mein Twitter-Kanal hierher verlinkt. Sorry, Leute, ihr habt mich verpasst. Jetzt bin ich wieder da.

Ich bin in den vergangenen Monaten etwas müde geworden. Ich gebe es zu, und ich glaube, dass es vielen momentan so geht. Diese ewigen Debatten. Ich habe immer ganz gerne mit Freunden und Familie über Politik diskutiert. Jetzt möchte ich oft den Kaffeetisch verlassen, mich in eine Ecke setzen und mir die Ohren zuhalten. Weil es so anstrengend ist und zu nichts führt. Weiterlesen

AfD-Programm Bullshit-Bingo

Als die AfD den Entwurf für ihr Parteiprogramm vorgelegt hat, hat mich die kreative Wut gepackt. Es ist schon ein paar Tage her, aber ich wollte es euch nicht vorenthalten. Mein Favorit: „Was wahr ist, kann nicht unkorrekt sein.“ Dicht gefolgt vom „falsch verstandenen Feminismus“. Das tut richtig weh.

Ich stelle mein Werk gern der Allgemeinheit zur Verfügung. Es ist vielseitig anwendbar bei Auftritten der Parteimitglieder. Für die Reden von Björn Höcke müsste allerdings noch ein völlig neues Bingo geschrieben werden. Viel Spaß.

AfD Bullshit-Bingo

 

Niemals Donald Trump!

Gestern kam die Nachricht, die ich nie für möglich gehalten hätte: Donald Trump wird bei den US-Präsidentschaftswahlen der Kandidat der Republikaner sein. Ich kann es wirklich nicht begreifen, wie das passiert ist. Schließlich warte ich seit Monaten darauf, dass Trump sich auf der Bühne die Latexmaske vom Gesicht reißt und darunter Jimmy Kimmel zum Vorschein kommt, der ruft: „Got ya, America!“

Nun. Auch wenn das aus meiner Sicht die logische Erklärung dafür wäre, warum der Mann eine Mimik und eine Hautfarbe wie ein Brathähnchen hat – diese Hoffnung wird sich wohl nicht mehr erfüllen. Noch vor wenigen Monaten hätte ich Stein und Bein geschworen, dass Trump niemals Erfolg haben wird. Ich habe einen Denkfehler gemacht: Ich bin von meinen eigenen Maßstäben ausgegangen. Weiterlesen

Der Fluch der Untätigkeit

Ich war immer schon ein Mensch, der nichts von leeren Worten hält. Ich würde sogar so weit gehen, das starke Wort „hassen“ zu gebrauchen: Ich hasse Untätigkeit. Und da kann ich viele Lieder von singen. Zum Beispiel gab es da die Redaktion des Studentischen Onlinemagazins an der Uni. Wo endlose Diskussionen zu endlosen Leitfäden führten, an die sich am Ende doch nie jemand erinnern konnte. Wo man hinter jedem einzelnen Artikel her mailen musste. Um keine Antwort auf seine Mail zu bekommen – und das in einem kommunikationswissenschaftlichen Studiengang.

Ihr merkt vielleicht schon: Hier schreibt eine Verfechterin des Anpackens. Das mag ein Ausdruck von Ungeduld sein, was vielleicht auch eine schlechte Eigenschaft ist. Doch wenn ich mir etwas vornehme, dann mache ich es. Ich weiß allerdings, dass nicht alle so sind. Klar. Deshalb verschenke ich auch keine Gutscheine mehr für irgendwelche Aktivitäten. Bis heute habe ich nicht den Trip nach Hamburg bekommen, der das Geschenk meiner zwei besten Freundinnen zu meinem 18. Geburtstag war. Wohl gemerkt, das war vor sechs Jahren.

In solchen Situationen mag Untätigkeit noch harmlos sein. Weniger lustig wird es, wenn es um wichtigere Dinge geht. Weiterlesen

Flüchtlingsdrama – Zweiter Akt

Flüchtlinge Notunterkunft Zelt Universität Bremen

Sie sind wirklich hier. Ich habe erst vor drei Wochen begriffen, was das eigentlich bedeutet. Das war als ich vor den weißen Zelten stand. Die Flüchtlinge aus dem Radio, dem Fernsehen – sie bekamen plötzlich Gesichter. Sie saßen vor dem Eingang auf hölzernen Klappstühlen und waren real. Mir wurde bewusst, dass ich sie bis jetzt nicht wirklich dafür gehalten hatte, wie das immer so ist, wenn man Dinge nur aus den Medien kennt. Wir interessieren uns, wir glauben Anteil zu nehmen, doch in Wahrheit können wir es uns nicht vorstellen. Es ist für uns so weit entfernt wie der Krieg in Syrien, oder mindestens wie die griechische Insel Kos. Aus dieser Perspektive habe ich schon einmal über Flüchtlinge geschrieben, über die Rettungsmissionen im Mittelmeer und die negative Einstellung vieler Deutscher – auch in meinem Umfeld – zur Aufnahme dieser Menschen in unserem Land. Meine Meinung hat sich nicht geändert, aber das Drama spielt sich für mich nicht mehr auf einer fernen Bühne ab. Es ist zu mir nach Hause gekommen, in meine Stadt.  Weiterlesen

„Visionäre für Nigeria“ – Interview mit James Olusanmi

Nigeria, in Westafrika, ist ein Land erschüttert durch zahlreiche Konflike und soziale Probleme. Seit ungefähr fünf Jahren treibt die Terrororganisation Boko Haram im Norden des Landes ihr brutales Unwesen. Erst kürzlich hat Nigeria einen neuen Präsidenten gewählt, Muhammadu Buhari – einen Ex-Militärdiktator (1982 bis 1985), der die Wahl mit dem Versprechen gewann, die Terroristen auszulöschen. Es ist natürlich viel zu früh, um vorauszusagen, in welche Richtung er Nigeria führen wird. Fakt ist: Er wurde auf demokratische Weise gewählt und der Machtwechsel in der Regierung verlief friedlich. Dennoch bleibt die Situation denkbar schwierig. Nigeria leidet unter großer Armut, Arbeitslosigkeit und hoher Inflation – und das trotz der Tatsache, dass es ein ölreiches Land und die größte Volkswirtschaft südlich der Sahara ist.

Seit etwa einem Jahr bin ich Mitglied des Bremer Vereins „Human & Environment“, der eng mit einer Graswurzel-NGO in Nigeria zusammenarbeitet. Beide Organisationen wurden von dem Nigerianer James Olusanmi gegründet. Vor einigen Monaten war er zu Besuch in Bremen, und ich habe die Gelegenheit ergriffen für ein Interview über sein Heimatland.

James Olusanmi interview Nigeria Weiterlesen