Kulturschock

Ich dachte immer, so etwas wie einen Kulturschock gibt es nicht. Bis ich vor einigen Monaten zum ersten Mal in Afrika war, in Nigeria. Ich dachte, es sei lächerlich; als gebildeter und viel gereister Mensch würde ich doch ohne Probleme mit einer fremden Kultur klarkommen?

Und anfangs sah es so aus, als hätte ich Recht. Ich fühlte lediglich eine schleichende Bestürzung. Nigeria war wie Schwimmen im offenen Meer – man wird von den Wellen herumgeschubst und hat keine Ahnung, wohin man sich wenden soll oder was in der Tiefe liegt.

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Ein Dorf, irgendwo im Busch – zwischen Ibadan und Osogbo.

Als ich in Lagos ankam, war ich selbst erstaunt, dass ich nicht über das urteilen konnte, was ich sah. Alles versetzte mich einfach in Staunen. Ein Besuch auf dem Markt – die Farben, der Lärm, die Hitze, die Gerüche oder der Gestank, wie man es nimmt. Ich habe noch nie so geschwitzt, habe noch nie solches Chaos erlebt und wurde einmal beinahe überfahren. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das negativ war. Es war einfach ganz anders, und das war’s.

Alles war so fremd, dass ich plötzlich die Verbindung zu meinen Erinnerungen, zu mir selbst verloren habe. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie es ist, zu frieren. Oder wenn immer frisches Wasser und Strom da sind. Das Fremde war Normalität, und das war das Befremdliche.

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Ein Kind auf der Straße in Ibadan.

Ich war wie eine Schauspielerin, die ihren Text vergessen hatte. Alle Menschen hielten sich an Regeln, die ich nicht verstand. Einmal wurden wir auf dem Weg zum Strand von ein paar jungen Leuten aufgehalten. Sie wollten Geld kassieren, und wir Weißen sollten mehr zahlen als die Nigerianer in unserer Gruppe. Unsere Begleiter diskutierten mit ihnen, ich stand hibbelig daneben und war sicher, dass es richtig Ärger geben würde. Der Tonfall der fremden Sprache (Yoruba) und die Mimik und Gestik unserer selbsternannten Wegwarte kam mir wütend, bedrohlich vor. Eine Minute später lachten sie plötzlich, schlugen mit unseren Begleitern ein und alles war gut. Ich verstand es nicht.

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Die Wasser-Slums in Lagos.

Am wenigstens verstand ich mich selbst. Im Nachhinein weiß ich, dass ich tagelang als Schlafwandlerin durch Nigeria gestapft bin. Alles passierte einfach, ohne dass ich den geringsten Einfluss darauf hatte. Ich nahm es hin. Normalerweise mache ich selbst meinen Mund auf und regele meine Probleme – doch in Nigeria war ich wie ein kleines Kind. Ich wusste nichts, konnte nichts, war hilflos.

Es gibt einen Punkt, an dem ist man sich nicht mehr sicher. Nichts ist mehr sicher.

Wenn ihr an der Landstraße einen leblosen Menschen liegen seht, auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt – was würdet ihr tun? Was würdet ihr in Deutschland tun? Es gibt keine Zweifel. Man hält an und hilft. Das ist es, was wir tun müssen.

Wir taten es nicht. Ich sah diesen Menschen dort liegen. Ich schrie auf, als ich realisierte, worum es sich handelte. Es dauerte nur zwei Sekunden, und dann waren wir an dem Leichnam vorbei. Mein erster Gedanke war: Wir müssen anhalten. Doch dann kamen die Argumente dagegen. In Nigeria, wurde mir gesagt, wirst du verhaftet, wenn du einen solchen Fall der Polizei meldest. Die Polizei wird einen Schuldigen brauchen, und du bist die erste Wahl. Es hilft nichts. Es macht nur Probleme. Besser, man tut nichts.

Wir fuhren weiter. So wie alle.

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Die Landstraße – ein gefährlicher Ort in Nigeria.

Ich frage mich bis heute, ob es eine Frau oder ein Mann war. Und ob er oder sie wirklich schon tot war, und ob wir hätten helfen können. Es tut mir so Leid.

Das war er, der Kulturschock. In dem Augenblick, als ich diesen Menschen am Straßenrand liegen sah, und niemand ihn beachtete, als sei es bloß ein überfahrener Igel – da bin ich aufgewacht. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich Nigeria zuvor nicht richtig ernst genommen hatte. Ich bewegte mich quasi in einer Arte-Fernsehreportage. Der Kulturschock brachte mich in die Realität dieses Landes.

Falls ich nach Nigeria zurückkehre, wird der Schock kein zweites Mal kommen. Aber eine weitere Sache, die ich mich heute frage, ist: Würden wir beim zweiten Mal anhalten?

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Müll auf den Straßen in Lagos.

(P.S.: Nigeria ist ein kompliziertes, grausames, aber auch wunderschönes Land. Mehr Fotos von meiner Reise mit der Hilfsorganisation „Human & Environment“ werde ich in Kürze auf meinem zweiten Blog „Wonderland“ posten.)