Wunder geschehen.

Nicht immer ist die Welt schlecht. Als Journalistin ist es manchmal schwer, sich das in Erinnerung zu rufen. Deshalb möchte ich diese Geschichte mit euch teilen.

Es ist die Geschichte eines 66-jährigen Syrers. Und es ist seit ein paar Monaten auch meine Geschichte. Das ist im Grunde seine Schuld; er hat mich da einfach mit reingezogen. Ich kann aber nicht sagen, dass ich es nicht gewollt hätte. Inzwischen ist er in meiner Heimatstadt so etwas wie eine Lokalberühmtheit und schreibt eine Kolumne für die Zeitung. Aber der Reihe nach. Weiterlesen

Niemals Donald Trump!

Gestern kam die Nachricht, die ich nie für möglich gehalten hätte: Donald Trump wird bei den US-Präsidentschaftswahlen der Kandidat der Republikaner sein. Ich kann es wirklich nicht begreifen, wie das passiert ist. Schließlich warte ich seit Monaten darauf, dass Trump sich auf der Bühne die Latexmaske vom Gesicht reißt und darunter Jimmy Kimmel zum Vorschein kommt, der ruft: „Got ya, America!“

Nun. Auch wenn das aus meiner Sicht die logische Erklärung dafür wäre, warum der Mann eine Mimik und eine Hautfarbe wie ein Brathähnchen hat – diese Hoffnung wird sich wohl nicht mehr erfüllen. Noch vor wenigen Monaten hätte ich Stein und Bein geschworen, dass Trump niemals Erfolg haben wird. Ich habe einen Denkfehler gemacht: Ich bin von meinen eigenen Maßstäben ausgegangen. Weiterlesen

Erlebnisse mit Respekt

In Zeiten, in denen zu Recht über Respekt für Frauen geredet wird – in denen ich mich aber auch über „Schiebt das Pack ab“-Dumpfbacken-Kommentare in sozialen Netzwerken aufregen darf – möchte ich hier eine Lanze brechen. Und zwar für die jungen Männer aus Syrien, dem Irak oder woher auch immer (denn das spielt keine Rolle und interessiert mich eigentlich herzlich wenig), denen ich in den vergangenen Monaten begegnet bin.

Ich möchte nicht verharmlosen, was an Silvester in Köln geschehen ist, denn diese Ereignisse haben mich wie wohl jede Frau in Deutschland tief schockiert und angeekelt. Aber was ich in den vergangenen Tagen an Reaktionen mitbekommen habe, hat mich beinahe ebenso wütend gemacht. Männer mit Migrationshintergrund werden jetzt offenbar pauschal als perverse Frauenverächter abgestempelt. Und nicht nur Flüchtlinge, sondern auch jene, die schon länger hier leben.

Deshalb erzähle hier jetzt mal ein paar Geschichten. Weiterlesen

Der Fluch der Untätigkeit

Ich war immer schon ein Mensch, der nichts von leeren Worten hält. Ich würde sogar so weit gehen, das starke Wort „hassen“ zu gebrauchen: Ich hasse Untätigkeit. Und da kann ich viele Lieder von singen. Zum Beispiel gab es da die Redaktion des Studentischen Onlinemagazins an der Uni. Wo endlose Diskussionen zu endlosen Leitfäden führten, an die sich am Ende doch nie jemand erinnern konnte. Wo man hinter jedem einzelnen Artikel her mailen musste. Um keine Antwort auf seine Mail zu bekommen – und das in einem kommunikationswissenschaftlichen Studiengang.

Ihr merkt vielleicht schon: Hier schreibt eine Verfechterin des Anpackens. Das mag ein Ausdruck von Ungeduld sein, was vielleicht auch eine schlechte Eigenschaft ist. Doch wenn ich mir etwas vornehme, dann mache ich es. Ich weiß allerdings, dass nicht alle so sind. Klar. Deshalb verschenke ich auch keine Gutscheine mehr für irgendwelche Aktivitäten. Bis heute habe ich nicht den Trip nach Hamburg bekommen, der das Geschenk meiner zwei besten Freundinnen zu meinem 18. Geburtstag war. Wohl gemerkt, das war vor sechs Jahren.

In solchen Situationen mag Untätigkeit noch harmlos sein. Weniger lustig wird es, wenn es um wichtigere Dinge geht. Weiterlesen

Zum Glück ist Deutschland nicht Ungarn

Keleti Ostbahnhof Budapest

Der Ostbahnhof in Budapest war tagelang in den Schlagzeilen – den Flüchtlingen wurde hier die Weiterreise nach Deutschland verwehrt.

„Germany, Germany!“, skandierte die Menge vor dem Budapester Ostbahnhof. Ich traute meinen Augen und Ohren kaum, als ich diese Bilder im Fernsehen sah. Vor zwei Jahren, im Herbst 2013, kam ich an genau diesem Bahnhof, dem Keleti pályaudvar, an, mit einem großen Koffer und klopfendem Herzen. Drei Monate lang lief ich beinahe jeden Tag an diesem beeindruckenden Gebäude vorbei. Oft konnte ich auf dem Heimweg nicht widerstehen und kaufte mir bei der Frau mit dem Rollwagen einen frischen, zuckrigen Kürtöskalács. Jetzt erkenne ich die Szene kaum wieder. Ich bezweifle, dass die Frau dort in den vergangenen Tagen noch ihre Kuchen verkauft hat.

All diese Menschen, die dort unter menschenunwürdigen Bedingungen campierten, hatten nur ein Ziel: Deutschland. Unser Land, das in Europa aufgrund der Eurokrise zurzeit einen sehr schlechten Ruf hat, das Land der Spardiktatoren und Besserwisser, das mit Hitler-Karikaturen überhäuft wurde – es wird auf einmal zum gelobten Land für Tausende von Flüchtlingen. Wie ist das passiert? Weiterlesen

Blogger für Flüchtlinge: Nutzt eure digitale Stimme!

blogger fuer fluechtlingeHeute Morgen habe ich von einer Aktion erfahren, die sofort meine Begeisterung geweckt hat, und an der ich mich deshalb gern beteiligen möchte: „Blogger für Flüchtlinge“. Hinter der Aktion verbirgt sich ein Crowdfunding-Projekt auf betterplace.org, das von den Bloggern Karla Paul, Nico Lumma, Stevan Paul und Paul Huizing vor etwa einer Woche ins Leben gerufen wurde. Innerhalb von nur drei Tagen kamen die gewünschten 10.000 Euro für die Flüchtlingsinitiative „Moabit hilft“ zusammen, so dass gleich im Anschluss eine zweite Sammelaktion unter dem gleichen Namen gestartet wurde. Sie kommt nun auch anderen Projekten zugute, die sich für Flüchtlinge in Deutschland einsetzen. Ein absolut gute Sache! Daher folge ich gern dem Aufruf, „Blogger für Flüchtlinge“ über mein eigenes Blog weiter zu verbreiten.

Dafür möchte ich gar nicht mehr so weit ausholen. Erst vor drei Tagen habe ich meine eigenen Erlebnisse als Helferin in einem Flüchtlingslager in Bremen in einem Post verarbeitet. Ich kann nur jeden ermutigen, der wirklich helfen möchte. Wenn ich persönlich etwas tun möchte, gehe ich zuerst raus und packe etwas an – in dieser Hinsicht bin ich wohl ein ziemlich analog denkender Mensch. Doch gleich danach kommt meine Stimme, in diesem Fall meine digitale Stimme als Bloggerin, und die ist vielleicht sogar noch wichtiger. Worte sind mächtig. Ich glaube daran, ansonsten wäre ich nicht Journalistin geworden und vor allem hätte ich dieses Blog nicht dem Kampf gegen das „Schweigen im Walde“ gewidmet, jener Untätigkeit und Verklemmtheit, die uns daran hindert, unsere Meinung laut zu sagen.

Ich bin überzeugt davon, dass nirgends das Schweigen schädlicher ist, als im Internet. Vor allem die Social Media können ein gefährliches Instrument sein. Allzu leicht lassen sie sich überfluten mit Hass, Hetze, Falschinformationen, Halbwahrheiten, Gerüchten und Panikmache. Die Vorfälle in Sachsen sprechen dafür Bände, aber nur weil der Hass dort offen ausbricht, heißt das nicht, dass wir nicht auch woanders (in Bremen, in unserer Familie, unter Freunden, in der Universität oder am Arbeitsplatz…) wachsam sein müssen. Was wir aktuell beobachten, ist die Rückkehr einer salonfähigen Ausländerfeindlichkeit. Das beunruhigt mich fast mehr, als betrunken randalierende Nazis in Heidenau. Sie sind sichtbar. Die Ablehnung ist oft verborgen. Nicht immer wird der Flüchtling tatsächlich als homogenes Feindbild gesehen, aber es genügt schon, dass er zur Projektionsfläche sozialer Ängste wird. Daher ist es umso wichtiger, dass Leute mit einem Anteil an der Netzöffentlichkeit – Blogger – ihren Einfluss nutzen, um ein positives Zeichen zu setzen.

Ich möchte an dieser Stelle auch das „Gutmensch“-Argument entkräften und sagen: Ich sehe die Situation keineswegs durch eine rosarote Brille. Ich habe gesehen und gehört, was alles schief läuft bei der Aufnahme der Flüchtlinge. Ich habe auch Angst – Angst um die Flüchtlinge! Ich mache mir Sorgen, dass wir es nicht schaffen, all diese Menschen auf menschenwürdige Weise unterzubringen. Aber dafür können wir aktiv werden. Und das sollten wir! Denn wir bestimmen selbst, welchen Eindruck die Flüchtlinge von Deutschland bekommen, und ob die Argumente der Rechten zur selbsterfüllenden Prophezeihung werden – oder eben nicht.

Crowdfunding „Blogger für Flüchtlinge“ auf betterplace.org

#bloggerfuerfluechtlinge

www.blogger-fuer-fluechtlinge.de

Flüchtlingsdrama – Zweiter Akt

Flüchtlinge Notunterkunft Zelt Universität Bremen

Sie sind wirklich hier. Ich habe erst vor drei Wochen begriffen, was das eigentlich bedeutet. Das war als ich vor den weißen Zelten stand. Die Flüchtlinge aus dem Radio, dem Fernsehen – sie bekamen plötzlich Gesichter. Sie saßen vor dem Eingang auf hölzernen Klappstühlen und waren real. Mir wurde bewusst, dass ich sie bis jetzt nicht wirklich dafür gehalten hatte, wie das immer so ist, wenn man Dinge nur aus den Medien kennt. Wir interessieren uns, wir glauben Anteil zu nehmen, doch in Wahrheit können wir es uns nicht vorstellen. Es ist für uns so weit entfernt wie der Krieg in Syrien, oder mindestens wie die griechische Insel Kos. Aus dieser Perspektive habe ich schon einmal über Flüchtlinge geschrieben, über die Rettungsmissionen im Mittelmeer und die negative Einstellung vieler Deutscher – auch in meinem Umfeld – zur Aufnahme dieser Menschen in unserem Land. Meine Meinung hat sich nicht geändert, aber das Drama spielt sich für mich nicht mehr auf einer fernen Bühne ab. Es ist zu mir nach Hause gekommen, in meine Stadt.  Weiterlesen