Erlebnisse mit Respekt

In Zeiten, in denen zu Recht über Respekt für Frauen geredet wird – in denen ich mich aber auch über „Schiebt das Pack ab“-Dumpfbacken-Kommentare in sozialen Netzwerken aufregen darf – möchte ich hier eine Lanze brechen. Und zwar für die jungen Männer aus Syrien, dem Irak oder woher auch immer (denn das spielt keine Rolle und interessiert mich eigentlich herzlich wenig), denen ich in den vergangenen Monaten begegnet bin.

Ich möchte nicht verharmlosen, was an Silvester in Köln geschehen ist, denn diese Ereignisse haben mich wie wohl jede Frau in Deutschland tief schockiert und angeekelt. Aber was ich in den vergangenen Tagen an Reaktionen mitbekommen habe, hat mich beinahe ebenso wütend gemacht. Männer mit Migrationshintergrund werden jetzt offenbar pauschal als perverse Frauenverächter abgestempelt. Und nicht nur Flüchtlinge, sondern auch jene, die schon länger hier leben.

Deshalb erzähle hier jetzt mal ein paar Geschichten. Weiterlesen

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Über Extremismus

Klassentreffen sind ein perfekter Ort für Klatsch und Tratsch, für Schadenfreude und Bewunderung, für Neid und alte Geschichten. Zwischen Weihnachten und Silvester traf ich einige alte Schulkameraden, mit denen ich vor fünf Jahren mein Abitur machte.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Da kann viel passieren. Meist normale Dinge wie Studium, Job. Aber auch Interessanteres. Eine heiratete. Einer bekam ein Kind. Einer reist um die ganze Welt.

Einer wurde Terrorist. Weiterlesen

Nestbautrieb

Lang lang ist’s her, dass ich zuletzt gebloggt habe. Ich habe mich richtig geschämt, als ich nach so langer Zeit wieder einen Blick in meinen Account geworfen habe. Wie zu erwarten waren die Stats bitter enttäuschend. Aber das ändern wir jetzt! Ab jetzt wird der digitalen Selbstdarstellung wieder mehr Zeit gewidmet.

Vorher möchte ich mich aber noch ein wenig rechtfertigen. Die vergangenen Monate waren hart. Die 40-Stunden-Woche hat mich fest in ihren Klauen. Adé gute Zeiten des Studierens! Vor einem Jahr hatte ich sogar genug Muße, um auf meinem Reiseblog ein „Christmas Special“ zu machen. Wirklich wahr. Wie mein Blog habe ich in diesem Jahr auch die weihnachtliche Vorfreude völlig vernachlässigt.

Zu allem Überfluss bin ich auch noch umgezogen. Jetzt kann ich beim Bloggen anstatt auf das Dach von Aldi auf die Terrasse und einen verwilderten kleinen Garten schauen. Seit September kreisten meine Gedanken nur noch um Tapeten, Wandfarbe, Laminat. „Ist das jetzt der Nestbautrieb?“, zog mich meine Mama auf. Da wir ein Haus gekauft haben, fürchtete sie offenbar, bald Oma zu werden. Dabei war eigentlich bloß die Europäische Zentralbank Schuld an dieser Entwicklung. Und seit wann besteht überhaupt ein zwingender Zusammenhang zwischen diesen Dingen, Haus und Baby? Mama ist nicht die einzige, die so denkt. Ein Freund lachte neulich: „Erst die Hochzeit, dann das Kind und dann das Haus – das war euch wohl zu Mainstream?“

Offenbar ist das die gesellschaftlich korrekte Reihenfolge. Erstaunlich, man hält sich und sein Umfeld für so modern und aufgeklärt – und dann so was. Überhaupt beobachte ich einen seltsamen Trend im Freundeskreis. Bei Partys sind die Karten-Trinkspiele verschwunden. Stattdessen sind die Themen bei einem Glas Wein auf einmal: Neue Möbel, der Job und – ich sag’s echt nur ungern – Kinder. Was ist da passiert? Ich will es nicht wahr haben, aber am Ende hat Mama vielleicht Recht. Am Ende sind wir alle genetisch programmierte Roboter und es gibt tatsächlich so etwas wie den „Nestbautrieb“. Eine unheimliche Vorstellung.

Körpersucht

Vor einiger Zeit habe ich für ein Bewerbungsverfahren eine Reportage zum Thema „Körperkult“ geschrieben – die ich eigentlich nicht „verkommen“ lassen möchte und daher hier poste. Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Schönheitsideal und Monstrosität – nirgends ist die Gratwanderung schmaler als beim Bodybuilding. Was als Wunsch nach mehr Fitness und einem straffen Körper beginnt, wird leicht zu einer gefährlichen Obsession.

Als Gianluca F. und der Körper sich kennen lernten, war diese Begegnung schmerzhaft. Vier Monate lang versagte der 24-Jährige seinem Körper, was dieser am meisten begehrte: Ausreichend Nahrung, Entspannung, ja sogar Wasser. Er ignorierte seine Proteste, den Hunger, die Müdigkeit. Sein Leben bestand aus dem Abwiegen von Mahlzeiten und Training. Am Ende dieses Weges wartete die Bühne, auf der er dem Publikum das Resultat seiner Anstrengungen präsentierte: Muskeln wie Drahtgeflechte unter einer durch Dehydrierung pergamentdünnen Haut. Auf seinem eingefallenen Gesicht stand ein Lächeln – er hatte 15 Kilo abgenommen. Sein Wille war noch stählerner als sein Körper.  Weiterlesen

Der Fluch der Untätigkeit

Ich war immer schon ein Mensch, der nichts von leeren Worten hält. Ich würde sogar so weit gehen, das starke Wort „hassen“ zu gebrauchen: Ich hasse Untätigkeit. Und da kann ich viele Lieder von singen. Zum Beispiel gab es da die Redaktion des Studentischen Onlinemagazins an der Uni. Wo endlose Diskussionen zu endlosen Leitfäden führten, an die sich am Ende doch nie jemand erinnern konnte. Wo man hinter jedem einzelnen Artikel her mailen musste. Um keine Antwort auf seine Mail zu bekommen – und das in einem kommunikationswissenschaftlichen Studiengang.

Ihr merkt vielleicht schon: Hier schreibt eine Verfechterin des Anpackens. Das mag ein Ausdruck von Ungeduld sein, was vielleicht auch eine schlechte Eigenschaft ist. Doch wenn ich mir etwas vornehme, dann mache ich es. Ich weiß allerdings, dass nicht alle so sind. Klar. Deshalb verschenke ich auch keine Gutscheine mehr für irgendwelche Aktivitäten. Bis heute habe ich nicht den Trip nach Hamburg bekommen, der das Geschenk meiner zwei besten Freundinnen zu meinem 18. Geburtstag war. Wohl gemerkt, das war vor sechs Jahren.

In solchen Situationen mag Untätigkeit noch harmlos sein. Weniger lustig wird es, wenn es um wichtigere Dinge geht. Weiterlesen

Zum Glück ist Deutschland nicht Ungarn

Keleti Ostbahnhof Budapest

Der Ostbahnhof in Budapest war tagelang in den Schlagzeilen – den Flüchtlingen wurde hier die Weiterreise nach Deutschland verwehrt.

„Germany, Germany!“, skandierte die Menge vor dem Budapester Ostbahnhof. Ich traute meinen Augen und Ohren kaum, als ich diese Bilder im Fernsehen sah. Vor zwei Jahren, im Herbst 2013, kam ich an genau diesem Bahnhof, dem Keleti pályaudvar, an, mit einem großen Koffer und klopfendem Herzen. Drei Monate lang lief ich beinahe jeden Tag an diesem beeindruckenden Gebäude vorbei. Oft konnte ich auf dem Heimweg nicht widerstehen und kaufte mir bei der Frau mit dem Rollwagen einen frischen, zuckrigen Kürtöskalács. Jetzt erkenne ich die Szene kaum wieder. Ich bezweifle, dass die Frau dort in den vergangenen Tagen noch ihre Kuchen verkauft hat.

All diese Menschen, die dort unter menschenunwürdigen Bedingungen campierten, hatten nur ein Ziel: Deutschland. Unser Land, das in Europa aufgrund der Eurokrise zurzeit einen sehr schlechten Ruf hat, das Land der Spardiktatoren und Besserwisser, das mit Hitler-Karikaturen überhäuft wurde – es wird auf einmal zum gelobten Land für Tausende von Flüchtlingen. Wie ist das passiert? Weiterlesen