„Kopf ab und gut.“ Oder: Warum ich die Debatten oft müde bin.

Seit einem Jahr habe ich hier nichts geschrieben. Pfui, pfui. Als ich gerade in die Statistik des Blogs geschaut habe, hat es mich überrascht, dass trotzdem recht viele Besucher da waren. Das muss daran liegen, dass mein Twitter-Kanal hierher verlinkt. Sorry, Leute, ihr habt mich verpasst. Jetzt bin ich wieder da.

Ich bin in den vergangenen Monaten etwas müde geworden. Ich gebe es zu, und ich glaube, dass es vielen momentan so geht. Diese ewigen Debatten. Ich habe immer ganz gerne mit Freunden und Familie über Politik diskutiert. Jetzt möchte ich oft den Kaffeetisch verlassen, mich in eine Ecke setzen und mir die Ohren zuhalten. Weil es so anstrengend ist und zu nichts führt.

Ich möchte an dieser Stelle ein Gespräch mit einem Bekannten wiedergeben. Es ging natürlich um Politik, um die Türkei und Erdogan, USA und Trump, Nordkorea und Kim. Allein dass diese Länder und Personen alle in einer Unterhaltung auftauchen, untermauert glaube ich meine These von der Debattenmüdigkeit ganz gut. „Ist doch alles das Gleiche; die Welt geht vor die Hunde. Siehe Beispiel A, B und C.“

Dann habe ich wieder den Fehler gemacht, darauf hinzuweisen, dass die Gesellschaft im Umgangston immer roher wird. Dass man Angst vor den Menschen bekommt, die auf Facebook Kommentare schreiben, und im Internet Morddrohungen gegen Straftäter kursieren. Darauf bekam ich die Antwort, sinngemäß: Das sei ja auch richtig so. Diese Menschen verdienten es nicht, zu leben. Kopf ab und gut. Jedenfalls lägen sie dann dem Staat nicht mehr auf der Tasche.

Wäre das Leben ein Cartoon, man hätte meine Kinnlade laut auf den Tisch klatschen hören können. Wieder diese Wut. Ich kann sie mir nicht erklären. Woher kommt das? Dieser Person, die diese Sätze sagte, hat noch nie jemand persönlich etwas Schlimmes getan.

Die Todesstrafe sei eigentlich ganz sinnvoll. Diese Haltung habe ich in meinem direkten Umfeld nicht zum ersten Mal gehört. Angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Türkei scheint diese Meinung auch dort ziemlich verbreitet zu sein – sonst würde Präsident Erdogan wohl nicht damit liebäugeln, die Todesstrafe wieder einzuführen.

Die Todesstrafe wurde zu Recht in vielen Ländern abgeschafft, und sie gehört auf der ganzen Welt geächtet. Vor Kurzem war ich in Vietnam. Ein schönes Land. Aber dort kann ein Verbrecher zum Tode verurteilt werden – nicht nur wegen Mord, sondern auch wegen Betrugs und Drogendelikten. Die Gefahr ist: Wenn wir sie einmal haben, die Todesstrafe, wer setzt ihr dann die Grenzen? Wer garantiert, dass Regime stabil bleiben und dieses Instrument nie missbraucht wird? Dass keine Justizirrtümer geschehen? Oder Menschen Taten angehängt werden, die sie nicht begangen haben? Diese Möglichkeiten müssen ausgeschlossen werden. Deshalb sitzt ein mehrfacher Vergewaltiger und Mörder im Gefängnis und „liegt dem Staat auf der Tasche“, um es mit den Worten meines Bekannten zu sagen. Denn es geht nicht anders.

Doch was bringt es, den Menschen zu erklären, dass es ums Prinzip geht? Ich ernte für diese Argumente oft nur Schulterzucken. Daher bin ich die Debatten manchmal Leid. Allerdings nicht genug, um zu schweigen. Ich sollte hier wirklich wieder öfter mal was schreiben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s