Wunder geschehen.

Nicht immer ist die Welt schlecht. Als Journalistin ist es manchmal schwer, sich das in Erinnerung zu rufen. Deshalb möchte ich diese Geschichte mit euch teilen.

Es ist die Geschichte eines 66-jährigen Syrers. Und es ist seit ein paar Monaten auch meine Geschichte. Das ist im Grunde seine Schuld; er hat mich da einfach mit reingezogen. Ich kann aber nicht sagen, dass ich es nicht gewollt hätte. Inzwischen ist er in meiner Heimatstadt so etwas wie eine Lokalberühmtheit und schreibt eine Kolumne für die Zeitung. Aber der Reihe nach.

Wir begegneten uns das erste Mal im November 2015. Ich stand auf dem Marktplatz; wegen der Arbeit hatte ich ein Klemmbrett in der Hand und war ein bisschen im Stress. Da sprach mich ein kleiner, älterer Herr mit starkem Akzent an. Er wollte wissen, wer ich war. Er erzählte mir, er sei aus Syrien nach Deutschland geflohen. Bei mir sprang in diesem Moment ein Reflex an, auf den ich nicht stolz bin. Ich dachte: Donnerwetter, ein syrischer Flüchtling, der so gut Deutsch spricht! Das ist eine Chance für ein gutes Interview. Aber das war auch genau, was er wollte. Er hatte eine Story, und er wusste, dass Journalisten Storys brauchen. Aber mehr als das, glaube ich, wollte er sich Dinge vom Herzen reden.

Ein paar Tage später trafen wir uns und seine Geschichte begann es aus ihm herauszusprudeln. Ich habe vielleicht drei, vier Zwischenfragen gestellt, während er über eine Stunde lang erzählte. Die Geschichte seiner Flucht war ergreifend und beklemmend. Er stolperte nachts durch den dunklen Wald, stürzte, landete im Gefängnis, litt unter Hunger und Schlafmangel. Und das in seinem Alter, ganz allein.

Doch was mich wirklich berührte, war seine persönliche Geschichte und die seltsame Wendung des Schicksals, die diesen Mann bereits zum zweiten Mal in seinem Leben nach Deutschland gebracht hat. Vor über 40 Jahren hatte er eine Ausbildung in der DDR gemacht, im Reichsbahnausbesserungswerk in Chemnitz, und bei einer deutschen Gastfamilie gelebt. Erstaunlich, wie klar er sich an alles erinnert. Noch erstaunlicher, dass er mir, einer Fremden, alles erzählte. Die Namen der Gasteltern und Geschwister und ihr Alter wusste er noch genau. Und den Namen und Wohnort seiner ersten großen Liebe, einer blonden Deutschen. Er hat nichts vergessen.

Nachdem er mir alles erzählt hatte, äußerte er einen Wunsch. Er wollte sie noch einmal wiedersehen, die Menschen aus seiner Vergangenheit.

Ich weiß nicht genau, warum ich mich verantwortlich gefühlt habe. Aber ich hatte die Informationen, und ich wusste, wie man im Internet nach Dingen sucht. Also habe ich gesucht – und gefunden. Ich habe selbst nicht daran geglaubt, das merkte ich daran, wie mir das Herz in die Kehle sprang, als ich die Nachricht las: „Hallo Frau E. – ja, ich bin tatsächlich der Sohn der Gastfamilie von damals.“

Obwohl das alles pures Glück war fühlte ich mich wie Sherlock Holmes. Ich habe meinem Freund sofort davon erzählt. Nach vielen Monaten Zusammenarbeit an seiner Kolumne, die ich für ihn im Deutschen ins Reine schreibe, ist er lange schon mehr als nur das Objekt meiner journalistischen Arbeit. Aus irgendeinem Grund hat er sich mich ausgesucht, um ihm zu helfen. Und wie könnte ich anders, wenn er selbst so ein großzügiger, hilfsbereiter und offener Mensch ist.

„Einem anderen Menschen zu helfen ist eine Arbeit, die man nie bereuen wird.“

Dieser Spruch stammt von ihm. Wenn ich es tatsächlich schaffen sollte, dass sich die Gastfamilie und der verlorene Syrer nach über 40 Jahren wiedersehen, werde ich euch davon schreiben. Dann gibt es wohl nicht mehr viele Zufälle, die mich noch überraschen könnten.

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