Auf der Suche nach der Wahrheit

Seit Januar 2015 hat das Magazin „Der Spiegel“ einen neuen Claim: „Keine Angst vor der Wahrheit.“ Ich habe eine hohe Meinung vom „Spiegel“, diesen Spruch finde ich aber problematisch. Er bietet nicht nur eine riesige Angriffsfläche für die Liebhaber des „Lügenpresse“-Vorwurfs, sollte der Redaktion doch einmal ein Fehler unterlaufen. Die Wahrheit für sich zu beanspruchen ist generell gefährlich. Denn „Wahrheit“ ist absolut – sie ist die einzige richtige Version einer Geschichte. Journalisten suchen natürlich ständig nach der Wahrheit. Das Problem ist, dass wir nie mit absoluter Gewissheit wissen können, ob wir sie tatsächlich gefunden haben.

Jeder Mensch hat eine andere Sicht auf die Welt. Dasselbe Ereignis, von zwei Menschen beobachtet, wird oft auch auf zwei völlig unterschiedliche Weisen gedeutet. Das ist so, weil jeder Mensch andere Informationen besitzt und die Welt anders bewertet, auf Grundlage dessen, was er schon erlebt hat, wie er erzogen wurde und so weiter. Darum sprechen Journalisten mit vielen verschiedenen Menschen und setzen die Stücke zusammen, damit ihre Leser ihr Wissen erweitern können. Der alte „Spiegel“-Claim „Spiegel-Leser wissen mehr“ kommt der Wahrheit also deutlich näher als der neue, der eben diese für sich beansprucht.

Das nur als Einleitung. „Der Spiegel“ ist in meinen Augen ein seriöses Medium. Ich würde aber grundsätzlich jedem raten, misstrauisch zu werden, wenn jemand behauptet, die „Wahrheit“ zu verkünden. Ganz besonders, wenn im gleichen Atemzug andere der Lüge bezichtigt werden. Leider fallen viele – auch sehr kluge Menschen – auf Verschwörungstheoretiker herein, wenn sich deren Mist im Internet verbreitet.

Deshalb hier eine Anleitung zum Erkennen von Bullshit am Beispiel der Seite „News Top-Aktuell – Wenn Sie Wahrheit zu schätzen wissen“.

Dieses Paradeexemplar einer Verschwörungsseite habe ich erst kürzlich kennen gelernt. Schöner Titel, oder? Nicht nur die Wahrheit wird hier berichtet, sondern das Ganze ist auch noch top-aktuell.

 

news top aktuell verschwörungstheorien

Nehmen wir einen typischen Fall. Ein Artikel dieser Seite mit dem Titel „Gesamter Pazifik radioaktiv verseucht“ wird auf Facebook geteilt und verbreitet sich rasant. (Bullshit findet man übrigens sehr häufig auf Facebook.) Wenn ihr wissen wollt, wie oft ein Link geteilt oder kommentiert oder geliked wurde, könnt ihr Tools wie „Social Stats“ oder Share Tally benutzen. Der besagte „News Top-Aktuell“-Artikel kommt nach meiner Recherche insgesamt auf rund 24 500 Tsd. Facebook-Interaktionen. Das ist ’ne Menge für absoluten Bullshit.

Warum haben so viele Menschen geglaubt, was in diesem Artikel steht? 

Lasst mich in einem Satz zusammenfassen, worum es dort geht: die angebliche radioaktive Verseuchung des Pazifiks durch den Nuklearunfall im Atomkraftwerk Fukushima in Japan 2011 bzw. das radioaktiv belastete Wasser, das ins Meer gelangte. Womit wir schon bei Punkt 1 der Charakteristika der Verschwörungstheorien wären:

1. Sie enthalten meist ein Körnchen Wahrheit. Das Ereignis ist wirklich passiert, es ist beunruhigend und die Leute wollen alles darüber erfahren. Insofern: Ja, radioaktives Wasser gelangte nach dem Unfall in den Pazifik. Allerdings heißt es in dem Artikel:  „300 Tonnen hochradioaktives Wasser fließen täglich bis zur Stunde in’s Meer.“ Abgesehen von der falschen Grammatik (übrigens auch oft ein gutes Erkennungsmerkmal für Bullshit), überlegen wir kurz: Der Unfall war 2011. Der Artikel erschien im Februar 2016. Fünf Jahre später fließen also noch immer täglich (oder sogar pro Stunde, je nachdem wie man den Satz auslegt) 300 Tonnen Wasser ins Meer? Donnerwetter.

2. Sie zitieren Quellen, die gar keine sind. Beliebt sind Formulierungen wie „Wie Wissenschaftler herausgefunden haben, hat dieses stark belastete Wasser eine riesige Blase gebildet.“ Welche Wissenschaftler? Hm. „Experten schätzen, dass sich die Radioaktivität der Küstengewässer vor der US-Westküste in den nächsten Jahren verdoppeln wird.“ Welche Experten? Ach, nun ja, irgendwelche halt.

3. Sie verdrehen gnadenlos Fakten. Manchmal taucht nämlich überraschend eine echte Quelle auf: „Nach einer Simulation des Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel werden bis zum Jahre 2020 auch die entlegensten Winkel des Pazifischen Ozeans mit größeren Mengen radioaktiver Stoffe verseucht sein.“ Oha, das Zentrum gibt es ja wirklich! In solchen Fällen empfehle ich eine schnelle Google-Suche nach dieser Studie. Auch sie existiert, doch das Ergebnis hat nahezu nichts mit dem zu tun, was „News Top-Aktuell“ behauptet. Die Simulation ergibt, dass das belastete Wasser wirklich bis an die Westküste der USA vordringen wird  – allerdings wird es sich so stark mit sauberem Wasser vermischt haben, dass es keine Gefahr für den Menschen darstellt. Auch die Aussage „Es wird geschätzt, dass durch Fukushima bis zu 100 Mal so viel radioaktive Strahlung in den Ozean freigesetzt wurde und noch immer freigesetzt wird, wie während der gesamten Katastrophe von Tschernobyl“ ist schlicht und einfach: Bullshit. Hier das Zitat aus der Original-Studie:

„Die im März und April 2011 in den Pazifik geflossene Menge an Radioaktivität war mindestens dreimal so groß wie die, die 1986 infolge der Tschernobyl-Katastrophe in die Ostsee eingetragen wurde“, erläutert Böning. „Trotzdem sind die von uns simulierten Strahlungswerte im Pazifik bereits jetzt niedriger als die Werte, die man noch heute, 26 Jahre nach Tschernobyl, in der Ostsee findet.“

Auch schön: Angebliche Beweisfotos oder Diagramme. So wie dieses hier, das von „News Top-Aktuell“ verwendet wird:

radioaktive-wasserblase-aus-fukushima3

Sieht wahnsinnig gefährlich aus, oder? Ein zweiter Blick lohnt sich. Diese Grafik stammt, wie das Logo oben links uns bequemerweise verrät, von der „National Oceanic and Atmospheric Administration“ (NOAA). Sie zeigt aber nicht die Ausbreitung des radioaktiven Wassers, wie uns der Verschwörungsartikel weismachen will. Rechts in der Legende steht auch eindeutig (cm); die Darstellung bezieht sich auf die Höhe der Wellen – des Tsunamis, der durch das Erdbeben 2011 ausgelöst wurde und das auch das Unglück in Fukushima verursachte. Wer es nicht glaubt, hier findet man das Original-PDF der NOAA.

[Recherche-Tipp: So etwas findet man heraus, indem man ein Bild von einer Webseite lokal auf dem PC abspeichert und dann in die Google-Bildersuche hochlädt, versehen mit dem Suchbefehl „site:noaa.gov“ – Google sucht dann nach diesem oder einem sehr ähnlichen Bild nur auf der betreffenden Webseite.]

Ich könnte noch ewig weitermachen, aber dann würde dieser Artikel genauso endlos und ausufernd lang werden, die die Texte auf „News Top-Aktuell“. Das bringt mich zum letzten Punkt:

4. Endloses Geschwafel und Absurditäten. „Ein Zeuge dieser Flickschusterei ist der Automechaniker Yoshitatsu Uechi, der im Auftrag von Tepco sechs Monate am havarierten AKW Fukushima gearbeitet hat. Seine Aufgabe: Tanks zusammenbauen! Im Eiltempo! ‚Ich muss klar sagen, dass wir schludrig gearbeitet haben. Wahrscheinlich lecken die Tanks deshalb‘, sagte der 48-Jährige […]“ – Vielleicht liegt es an mir, aber ich finde Automechaniker, die im Atomkraftwerk arbeiten und ihre Sätze mit „Ich muss klar sagen“ anfangen, auch beunruhigend. Mein Lieblingszitat aus diesem Artikel ist aber dieses: „Wir sahen einen Wal, der irgendwie hilflos an der Oberfläche herum rollte mit etwas, das aussah, wie ein großes Tumorgeschwür auf seinem Kopf. Es war ziemlich widerlich.“

Oh ja, widerlich ist dieses Fantasiegeschwätz allerdings.

Wenn ihr also das nächste Mal einen Artikel auf Facebook seht, bei der euch spontan vor Neugierde die Augen aus dem Kopf fallen – tretet mental einen Schritt zurück und denkt an meine Worte. Die Recherche, die ich hier präsentiert habe, hat mich nur wenige Klicks gekostet – ich kann aber natürlich verstehen, wenn nicht jeder dazu Lust hat. Nicht immer ist der Bullshit auch so deutlich sichtbar wie bei „News Top-Aktuell“ (schon dass die Seite nur ein kostenloses WordPress-Blog ist, was man an der URL erkennt, reicht aus um zu wissen, dass hier keine seriöse Nachrichtenredaktion am Werk ist).

Aber es reicht auch schon weniger:

  • Lest den Artikel aufmerksam bis zum Ende(!) durch und fragt euch: Kann das sein? Sucht ggf. nach übereinstimmenden Infos bei anderen Medien.
  • Schaut das Layout an. Wirkt es seriös?
  • Werft einen Blick ins Impressum. Bei „News Top-Aktuell“ ist ein gewisser Ken Davis genannt – einfach mal googeln. Wenn ein Blogger Zeit hat, jeden Tag einen so langen Artikel zu schreiben, ist das an sich schon seltsam (zur Info: ich habe heute Zeit, weil Samstag ist! 😉 )
  • Last but not least: Tut der Artikel so, als lebten wir alle in einer großen Lügenblase, in der die Presse und die Regierung die Wahrheit vertuschen, die USA das Klima beherrschen und die NATO einen Atomkrieg anzetteln will? (siehe dazu auch „News Top-Aktuell“: „Die deutsche Bevölkerung lebt in einer Illusion“) Ja? Glückwunsch, dann habt ihr einen Verschwörungstheoretiker gefunden!

In a nutshell: Glaubt einfach nie wieder ungeprüft, was im Internet steht! Ich bin nicht mal sicher, ob die Schreiber ihre „Wahrheit“ selbst glauben. Warum solltet ihr es also tun?

(Hinweis: Ich verlinke hier nicht auf die Seite „News Top-Aktuell“, da von WordPress zu WordPress solche Links wie Kommentare direkt unter dem verlinkten Artikel erscheinen – in dem Fall also auf der Seite von „News Top-Aktuell“. Auf so eine Verbindung zu unseren Verschwörungsfreunden möchte ich verzichten.)

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3 Gedanken zu “Auf der Suche nach der Wahrheit

  1. Oberaktuelles Thema und super von dir aufgedröselt. Wenn nur mehr Menschen kritisch reflektieren würden..
    Ich kann auch nur immer wieder den Kopf schütteln und manches mal stehe ich kurz davor, Facebook Facebook sein zu lassen und mich mit dem Müll nicht mehr abzugeben. Aber wer macht dann auf Bullshit aufmerksam? 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Ich stimme dir in so fern zu, dass der Artikel in bestimmten Punkten übertreibt und verdreht, aber der Kern des Artikels, dass es sich bei Fukushima um eine Katastrophe für die Umwelt handelt, stimmt. Wenn künstliche Radioaktivität in die Umwelt gerät, ist sie in noch so kleinen Mengen ein Desaster und das nicht nur für die unmittelbare Umgebung sondern auch für den Rest der Welt, nicht zuletzt weil Lebensmittel aus der Region auch in die EU exportiert werden. Wenn dieser (reißerische) Artikel von 300 Tonnen radioaktivem Wasser spricht, klingt das in der Tat unglaublich. Aber es stimmt. Es handelt sich um Grundwasser, dass in der Umgebung des Reaktors mit der verseuchten Regionen in Berührung kommt und anschließend ins Meer gelangt. Diese Information hat der Guardian mit Berufung auf Tepco 2013 gebracht (http://www.theguardian.com/world/2013/aug/20/fukushima-leak-nuclear-pacific). Dass das Problem auch heute nicht in den Griff bekommen wurde zeigt dieses Statement von Tepco vom März 2015: http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/2015/1248751_6844.html.
    Meiner Meinung nach leben wir nicht in einer Lügenblase, in der die Presse und Regierung die Wahrheit vertuschen aber fest steht, dass internationale Organisationen den Menschen den Weg zur Wahrheit unglaublich erschweren und die Presse somit einer Übermacht entgegensteht. Da die Presse auf die Informationen dieser Organisationen angewiesen ist kommt es in der Tat zu einem Zustand einer, so will ich es mal nennen, „Desinformationsblase“. Beispiel: Es gibt ein Abkommen zwischen der WHO und der IAEO vom Mai 1959 welches besagt, dass die WHO die IAEO zu konsultieren hat, wenn sie ein „Forschungsprogramm oder eine Maßnahme“ zu den Folgen radioaktiver Strahlung einleitet, um „die betreffende Frage einvernehmlich zu regeln“. Mit anderen Worten: Die WHO, die sich eigentlich um die Gesundheit der Menschen kümmern sollte, muss die IAEO fragen, ob sie eine Studie über die gesundheitlichen Folgen von durch Ereignisse wie Tschernobyl und Fukushima entstandenen Radioaktivität durchführen kann. Es kommt noch härter: In der Satzung der IAEO findet man, dass die IAEO die Erforschung, Entwicklung und praktische Anwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke in der ganzen Welt fördern und unterstützen soll. Ein absoluter Interessenkonflikt zu Ungunsten der Gesundheit von Menschen und Umwelt sowie der Aufklärung…

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    1. Danke für deinen Kommentar! Es ging mir natürlich nicht darum, die Katastrophe von Fukushima zu verharmlosen. Ich habe den Artikel ausgewählt weil man an ihm exemplarisch sehr gut die irreführende Beweisführung von solchen „Verschwörungstheorie-Seiten“ zeigen kann. Den Fakt mit den 300 Tonnen Wasser täglich habe ich tatsächlich nicht so exakt nachrecherchiert, also danke für den Hinweis. Wie gesagt, dass Fukushima ein Desaster ist, da gibt es nichts dran zu diskutieren. Nur gibt das niemandem das Recht, die „Wahrheit“ mit erfundenen Fakten zur Panikmache aufzubauschen. Und wenn man sich den restlichen Content von „News Top-Aktuell“ anschaut wird klar, dass man da besser gar nichts ungeprüft glaubt.

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