Erlebnisse mit Respekt

In Zeiten, in denen zu Recht über Respekt für Frauen geredet wird – in denen ich mich aber auch über „Schiebt das Pack ab“-Dumpfbacken-Kommentare in sozialen Netzwerken aufregen darf – möchte ich hier eine Lanze brechen. Und zwar für die jungen Männer aus Syrien, dem Irak oder woher auch immer (denn das spielt keine Rolle und interessiert mich eigentlich herzlich wenig), denen ich in den vergangenen Monaten begegnet bin.

Ich möchte nicht verharmlosen, was an Silvester in Köln geschehen ist, denn diese Ereignisse haben mich wie wohl jede Frau in Deutschland tief schockiert und angeekelt. Aber was ich in den vergangenen Tagen an Reaktionen mitbekommen habe, hat mich beinahe ebenso wütend gemacht. Männer mit Migrationshintergrund werden jetzt offenbar pauschal als perverse Frauenverächter abgestempelt. Und nicht nur Flüchtlinge, sondern auch jene, die schon länger hier leben.

Deshalb erzähle hier jetzt mal ein paar Geschichten.

Sommer 2015. Ich trage einen Pappkarton mit Spielzeug und Unterrichtsmaterial quer durch das Flüchtslingslager an der Universität. Neben dem Eingang eines Zeltes sitzt eine Gruppe Männer und spielt Karten. Als sie mich sehen, steht ein junger Mann wortlos auf, kommt zu mir und nimmt mir den Karton aus den Händen. Ohne zu lächeln oder mich anzusprechen. „Ähm, danke“, ist meine Reaktion. „Das soll da hin.“ Und wohin ich deute, trägt er den Karton. Setzt ihn auf dem Boden ab, quittiert meinen Dank mit einem Nicken, und verschwindet.

Herbst. Am späten Abend fahre ich allein mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause. Es ist dunkel, die Straße ist fast ausgestorben. Vor mir auf dem Radweg laufen drei Männer, dem Aussehen nach mit Migrationshintergrund. Ich klingele, als ich dicht hinter ihnen bin. Sehr spät treten sie zur Seite, einen streife ich fast noch. Ich fahre weiter. Da tönt es hinter mir laut und mit starkem Akzent: „Entschuldigung!“

Nikolaustag. Ich bin zum Essen eingeladen beim Flüchtlings-Containerdorf in der Neustadt. Neben einer weiteren Deutschen und der Tochter des Gastgebers bin ich die einzige Frau in der Runde. Der Rest: syrische Männer. Sie füllen den Tisch mit großen Platten mit dem köstlichsten Essen – im Ofen geschmortes Gemüse und Fleisch, Minz-Joghurt, frisches Fladenbrot, Reis. Die Männer häufen mir den Teller voll, viel zu voll, mehrfach. Einer der Männer wirkt unzufrieden; er sagt etwas auf Arabisch und gestikuliert über den Tisch. „Ihr esst zu wenig“, sagt unser Gastgeber und lacht. „Er sagt, er und die Männer haben den ganzen Tag in der Küche gestanden.“

Vor einer Woche. In einem Imbiss-Café in der Innenstadt nehme ich allein an einem Tisch Platz. Am Nachbartisch sitzen zwei Männer, dunkelhäutig, vielleicht aus Afrika. Sie unterhalten sich in einer mir unbekannten Sprache. Gerade als ich in mein Brötchen beißen will, sagt einer von ihnen: „Guten Appetit.“ Nach meinem überraschten „Danke“ wendet er sich wieder seinem Freund zu. Die beiden beachten mich nicht weiter.

Heute. Wieder bin ich in der Unterkunft in der Neustadt eingeladen. Es gibt eine Feier, süßes Baklava und arabische Musik. Einige Männer – und eine junge Frau – tanzen ausgelassen in einer Reihe und halten sich an den Händen. Die deutschen Gäste stehen scheu am Rand. Auch ich traue mich nicht, mitzutanzen; Händeklatschen ist das höchste der Gefühle. Vielleicht hätte ich es getan, hätte mich jemand aufgefordert. Doch all die jungen Männer stehen ebenso schüchtern am Rand herum, wie die Deutschen.

Diese Geschichten sind genau so passiert. Damit mir niemand einseitige Berichterstattung vorwirft: Ich habe nicht etwa die negativen Erlebnisse weggelassen, um nur über das Positive zu schreiben. Nein, negative Erlebnisse habe ich schlicht nicht erlebt.

Soviel zu Respekt und Freundlichkeit.

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