Über Extremismus

Klassentreffen sind ein perfekter Ort für Klatsch und Tratsch, für Schadenfreude und Bewunderung, für Neid und alte Geschichten. Zwischen Weihnachten und Silvester traf ich einige alte Schulkameraden, mit denen ich vor fünf Jahren mein Abitur machte.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Da kann viel passieren. Meist normale Dinge wie Studium, Job. Aber auch Interessanteres. Eine heiratete. Einer bekam ein Kind. Einer reist um die ganze Welt.

Einer wurde Terrorist. Natürlich war er nicht persönlich da.

Das ist kein Scherz. Über solche Dinge scherzt man nicht. Ich erfuhr kürzlich, dass ich jemanden kenne, der sich dem sogenannten „Islamischen Staat“ angeschlossen hat. Er ging drei Jahre mit mir zur Schule, wir waren in einem Jahrgang am Gymnasium. Ich kannte ihn ehrlich gesagt nur flüchtig. Erinnerte mich aber an einen fröhlichen Menschen. Deshalb war ich mir zunächst nicht sicher, als ich im Oktober seinen Namen in den Nachrichten las. Ich glaubte mich zu irren. Mit dem Vollbart und dem schwarzen Tuch auf dem Kopf erkannte ich ihn nicht richtig, suchte aber damals schon das alte Jahrgangsalbum heraus und suchte nach seinem Foto. Da war keines. Auf dem Klassentreffen wurde mein Verdacht aber bestätigt, die anderen waren sich sicher: Das da in dem Propaganda-Video war unser Schulkamerad, mit einer schwarzen Terroristenflagge in den Händen.

Wie passiert so etwas? Extremismus. Wir erliegen leicht dem Irrtum, dass die Menschen in unserem Umfeld so sind wie wir. Ich kann nicht beurteilen, ob dieser junge Mann damals schon radikale religiöse Ansichten hatte, manche sagen ja. Ich weiß nichts über seine Familie. Aber er hatte Freunde. Er wurde nicht ausgegrenzt. Er lernte dieselben Dinge wie wir alle. Woher kommt der Hass auf unsere Lebensweise?

Über den Freund meines Schulkameraden, der vor dem „IS“ wieder nach Deutschland floh, las ich, dass er nicht Gewalt, sondern das Leben im Kalifat gesucht hatte. Die Gewalt schreckte ihn ab. Doch wieviel davon kann man glauben? Sind das nicht genau die Geschichten, die von einem Heimkehrer erwartet werden? Und falls sie doch wahr sind: Wie naiv können diese jungen Leute sein, die auf eigene Faust ins Kriegsgebiet nach Syrien oder in den Irak reisen? Man möchte zu der einfachen Erklärung greifen, sie seien ungebildet und hätten sich nicht richtig informiert. Aber das kann ich zumindest bei meinem Schulkameraden nicht glauben.

Ich glaube, alle Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise radikalisieren, suchen einfach nur Halt und eine Identität, in der sie sich angekommen fühlen. Das kann Religion sein, muss aber nicht. Ich bin keine Psychologin, aber Gangs funktionieren vermutlich ähnlich. Dem deutschen System, der Politik, den Medien, trauen diese Menschen nicht mehr. Paradox: Offenbar existiert die Lügenpresse nicht nur für die Nazis sondern gleichermaßen für diejenigen, die sie hassen. Eines haben sie alle gemeinsam – sie haben durch ihren Extremismus den Kontakt zur Realität verloren, ihr Urteilsvermögen wird durch Ideologie und Gruppendynamik getrübt.

In dem Stadtteil, in dem wir zur Schule gingen, ist soziale Unsicherheit keine Seltenheit. Dort gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch einfach relativ arme Menschen. Und Deutsche mit Vorurteilen. Die wachsen, jedes Mal, wenn eine Mülltonne brennt. Egal, wer sie angezündet hat, es waren immer die „scheiß Kanakken“ oder „Yallas“. Solche Sprüche höre ich heute noch viel zu oft. Auch da könnte man fragen: Woher kommt sowas? Und werden sich diese Leute morgen PEGIDA anschließen, oder den Hells Angels, oder irgendwelchen Nazi-Demos?

Es scheint, als könnten wir uns bei niemandem mehr sicher sein, ob sich in ihm nicht ein Extremist verbirgt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Über Extremismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s