Körpersucht

Vor einiger Zeit habe ich für ein Bewerbungsverfahren eine Reportage zum Thema „Körperkult“ geschrieben – die ich eigentlich nicht „verkommen“ lassen möchte und daher hier poste. Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Schönheitsideal und Monstrosität – nirgends ist die Gratwanderung schmaler als beim Bodybuilding. Was als Wunsch nach mehr Fitness und einem straffen Körper beginnt, wird leicht zu einer gefährlichen Obsession.

Als Gianluca F. und der Körper sich kennen lernten, war diese Begegnung schmerzhaft. Vier Monate lang versagte der 24-Jährige seinem Körper, was dieser am meisten begehrte: Ausreichend Nahrung, Entspannung, ja sogar Wasser. Er ignorierte seine Proteste, den Hunger, die Müdigkeit. Sein Leben bestand aus dem Abwiegen von Mahlzeiten und Training. Am Ende dieses Weges wartete die Bühne, auf der er dem Publikum das Resultat seiner Anstrengungen präsentierte: Muskeln wie Drahtgeflechte unter einer durch Dehydrierung pergamentdünnen Haut. Auf seinem eingefallenen Gesicht stand ein Lächeln – er hatte 15 Kilo abgenommen. Sein Wille war noch stählerner als sein Körper. 

Heute sitzt Gianluca in einem Café, trinkt ein Glas Mineralwasser und spricht über die Entbehrungen seiner „Diät“ vor einem Jahr, in Vorbereitung auf die Norddeutsche Meisterschaft im Bodybuilding 2014. „Gesund ist die ganze Geschichte nicht“, resümiert er. Obwohl er sich für die Deutsche Meisterschaft qualifizierte, beschloss er damals, nicht anzutreten. Sein Körper konnte nicht mehr. Die Erfahrung hat Gianluca dazu gebracht, sein Leben wieder etwas entspannter anzugehen. Ja, er würde jetzt sogar mal eine Pizza essen. Er trainiert aktuell fünf- bis sechsmal in der Woche. Um seinen Körper optimal mit Nährstoffen zu versorgen und Muskelmasse aufzubauen, nimmt er wie die meisten Kraftsportler Nahrungsergänzungsmittel: Eiweißpulver, Glutamin, Kreatin und sogenannte BCAAs, essentielle Aminosäuren. Diese „Supplemente“ sind legal und überall erhältlich, oft auch als „Booster“-Cocktail mit Koffein oder Taurin für den zusätzlichen Energiekick.

Es gab auch Zeiten, in denen spielte Gianluca mit dem Gedanken, zu stärkeren Mitteln zu greifen. Die dunkle Seite des Bodybuildings, die Anabolika, sind stets verlockend. „Der Gedanke war schon öfter da“, gesteht er. „Zu Anfang sieht man jedes Mal nach dem Training Fortschritte. Aber irgendwann kommt man an den Punkt, an dem der Körper nicht mehr so schnell aufbaut.“ Um sich weiter zu steigern, greifen Bodybuilder dann oft zu anabolen Substanzen, die den Stoffwechsel des Körpers ankurbeln und den Muskelaufbau fördern. Die bekanntesten Vertreter sind Steroide. Diese synthetisch hergestellten Hormone ähneln dem körpereigenen Testosteron; ihre Nebenwirkungen reichen von Haarausfall, Schlafstörungen und Akne bis hin zu Herz-Kreislauf-Problemen, Organversagen, Unfruchtbarkeit und Psychosen.

Vielen ist es das Risiko wert. Film, Fernsehen und Hochglanzmagazine suggerieren eine Verbindung zwischen dem perfekten Körper und dem perfekten Leben. Gerade Jugendliche seien durch den übertriebenen Körperkult leicht beeinflussbar, warnt der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Teilweise setzten sich bereits Zwölfjährige Spritzen mit Dopingmitteln. Die „Muskelsucht“ kann ähnlich krankhafte Ausmaße annehmen wie die Magersucht, und führt zu einer völlig irrationalen Wahrnehmung des eigenen Körpers.

Laut Gianluca F. ist es viel zu leicht, sich Anabolika zu besorgen: „In jedem Fitnessstudio, garantiere ich dir, kriegst du das Zeug.“ Man müsse nur die richtigen Leute ansprechen. Auch er werde oft von Jüngeren gefragt, ob er die Substanzen besorgen könne. Was ihn selbst abhielt, war stets die Angst vor dem Kontrollverlust. „Wer weiß, ob man davon wieder weg kommt. Ich wüsste nicht, ob ich irgendwann sagen könnte: Okay, das reicht jetzt.“

Im Bodybuilding gibt es keinen Stillstand, es zählt nur die Steigerung. Der Körper wird zum Objekt, das es zu perfektionieren gilt. Auf Facebook und Instagram zeigen die Sportler, was sie haben, und vergleichen sich untereinander. Gianlucas Profil zeigt ein Foto von ihm auf dem Wettkampf. Er posiert mit einem Pokal zu seinen Füßen. Die Kommentare seiner Freunde drücken Anerkennung aus – und leichtes Gruseln. Die Ambivalenz ist stets da. Gianluca schwankt zwischen kritischer Selbstreflexion und Überzeugung: „Bei mir ist das eine Sucht. Ich möchte damit auch nicht mehr aufhören, weil es mir gut tut.“ Er ist seltener krank, muss aber aufpassen, sich beim Training nicht zu verletzen. Er will keinen Oberschenkelumfang von 80 Zentimetern, damit er noch passende Hosen findet. Er möchte sich jedoch weiter steigern. Das Klischee des eitlen Muskelprotzes will er nicht erfüllen, aber auf Facebook posiert er im Muskelshirt. „Ich höre immer auf meinen Körper“, sagt er.

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