Der Fluch der Untätigkeit

Ich war immer schon ein Mensch, der nichts von leeren Worten hält. Ich würde sogar so weit gehen, das starke Wort „hassen“ zu gebrauchen: Ich hasse Untätigkeit. Und da kann ich viele Lieder von singen. Zum Beispiel gab es da die Redaktion des Studentischen Onlinemagazins an der Uni. Wo endlose Diskussionen zu endlosen Leitfäden führten, an die sich am Ende doch nie jemand erinnern konnte. Wo man hinter jedem einzelnen Artikel her mailen musste. Um keine Antwort auf seine Mail zu bekommen – und das in einem kommunikationswissenschaftlichen Studiengang.

Ihr merkt vielleicht schon: Hier schreibt eine Verfechterin des Anpackens. Das mag ein Ausdruck von Ungeduld sein, was vielleicht auch eine schlechte Eigenschaft ist. Doch wenn ich mir etwas vornehme, dann mache ich es. Ich weiß allerdings, dass nicht alle so sind. Klar. Deshalb verschenke ich auch keine Gutscheine mehr für irgendwelche Aktivitäten. Bis heute habe ich nicht den Trip nach Hamburg bekommen, der das Geschenk meiner zwei besten Freundinnen zu meinem 18. Geburtstag war. Wohl gemerkt, das war vor sechs Jahren.

In solchen Situationen mag Untätigkeit noch harmlos sein. Weniger lustig wird es, wenn es um wichtigere Dinge geht.

Es scheint heutzutage vor allem bei sehr vielen jungen Leuten (und an dieser Stelle ein Hinweis an alle wunderbaren, engagierten Ausnahmen – ihr dürft jetzt aufhören zu lesen!) absolut out zu sein, sich zu verpflichten und verlässlich zu sein. Einfach DA zu sein. Das ist natürlich mein persönlicher Eindruck und keine Sozialstudie, aber es gab durchaus schon ein paar ähnliche Betrachtungen über die „Generation Y“. Das ist die Generation, die um das Jahr 2000 herum im Teenageralter war. Die im Großen und Ganzen in dem Glauben aufgewachsen ist, dass sie alles bekommen kann, was sie will – und dass sie sich daher nicht festlegen muss. Nicht zu wissen was man will ist unter solchen Menschen eine verbreitete Krankheit. Ebenso wie die zu hohen Ansprüche an sich selbst. Da würde ich mich selbst nicht ausnehmen.

Ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde, weil ich es bezeichnend finde, hatte ich während des ersten Master-Semester Politikwissenschaft. Ich saß in einem Seminar über Entwicklungspolitik, das allerdings auch für Bachelor-Studenten war. Aber man sollte doch meinen, dieses Thema hätte Diskussionspotenzial. Leider hatte fast niemand in diesem Kurs eine Meinung dazu. Unser Dozent versucht regelmäßig verzweifelt, die Meute zum Reden zu bringen. (Übrigens ein wunderbares Beispiel für das Schweigen im Walde.) Irgendwann fragte der arme Akademiker: „Wie viele von euch engagieren sich denn in einem Verein?“ Es meldeten sich eine Person (ich). Entgeistert fragte er: „Und wer ist in einer Partei?“ Woraufhin sich wieder nur einer meldete (diesmal nicht ich). Und das in einem Studiengang Politikwissenschaft.

Zugegeben: Sich zu engagieren erfordert Eigeninitiative. Das ist vielen vielleicht zu viel. Wenn man es braucht, dass einem immer jemand sagt was man tun soll, wird man immer untätig bleiben müssen. Das beste Beispiel dafür ist die Organisation von freiwilliger Hilfe für Flüchtlinge. Nur so viel: Da gibt es eine Facebook-Gruppe, in der Deutschunterricht organisiert wird. Diese Gruppe hat über 200 Mitglieder und wächst immer noch ständig. Man weiß nicht, woher diese ganzen Leute kommen. Man erfährt es auch nicht, denn sobald sie in der Gruppe sind, schweigen sie.

Ich würde diese Leute gern fragen: Glaubt ihr, dass irgendwem damit geholfen ist, dass ihr einer Facebook-Gruppe beigetreten seid? Was wollt ihr eigentlich? Ach ja, ich vergaß: Das wissen sie wahrscheinlich nicht. Flüchtlingen zu helfen gehört ja heute zum guten Ton – so sehr, dass einen das Gewissen zwickt, wenn man es nicht tut. Ist man am Ende kein guter Mensch? Das passt gar nicht zu den hohen Lebensansprüchen dieser Generation. Das passt nicht zum optimierten Lebenslauf, vor allem nicht, wenn man womöglich schonmal ein Praktikum in einem Waisenhaus in Brasilien gemacht hat oder so. Aber das ist Unsinn. Es gibt viele Menschen, die zu viel arbeiten und andere Verpflichtungen haben, um zu helfen. Diese Menschen verstehe ich, wenn sie so ehrlich sind zu sagen: Ich kann das nicht. Das ist jedermanns gutes Recht.

Aber wenn man die Idee hatte, etwas tun zu wollen – und das unterstelle ich jetzt mal, wenn man schon gezielt nach einer geschlossenen Gruppe auf Facebook sucht und um Aufnahme bittet – dann soll man das auch tun. Und dazu gehört, einfach tätig zu werden. Denn eins sollte an dieser Stelle mal gesagt werden: Auch wenn freiwillige Hilfe Großartiges leisten kann – meist hat sie keine zentrale Hierarchiestruktur und daher läuft nichts ohne ein bisschen Chaos. Es tritt also genau die Situation ein, die ich schon erwähnt habe: Niemand sagt einem, was man tun soll. Man muss es selbst tun. Und bevor sie das machen, bleiben viele offenbar lieber untätig.

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