Zum Glück ist Deutschland nicht Ungarn

Keleti Ostbahnhof Budapest

Der Ostbahnhof in Budapest war tagelang in den Schlagzeilen – den Flüchtlingen wurde hier die Weiterreise nach Deutschland verwehrt.

„Germany, Germany!“, skandierte die Menge vor dem Budapester Ostbahnhof. Ich traute meinen Augen und Ohren kaum, als ich diese Bilder im Fernsehen sah. Vor zwei Jahren, im Herbst 2013, kam ich an genau diesem Bahnhof, dem Keleti pályaudvar, an, mit einem großen Koffer und klopfendem Herzen. Drei Monate lang lief ich beinahe jeden Tag an diesem beeindruckenden Gebäude vorbei. Oft konnte ich auf dem Heimweg nicht widerstehen und kaufte mir bei der Frau mit dem Rollwagen einen frischen, zuckrigen Kürtöskalács. Jetzt erkenne ich die Szene kaum wieder. Ich bezweifle, dass die Frau dort in den vergangenen Tagen noch ihre Kuchen verkauft hat.

All diese Menschen, die dort unter menschenunwürdigen Bedingungen campierten, hatten nur ein Ziel: Deutschland. Unser Land, das in Europa aufgrund der Eurokrise zurzeit einen sehr schlechten Ruf hat, das Land der Spardiktatoren und Besserwisser, das mit Hitler-Karikaturen überhäuft wurde – es wird auf einmal zum gelobten Land für Tausende von Flüchtlingen. Wie ist das passiert?

Da gibt es eine Theorie: Deutschland locke die Flüchtlinge mit seiner zu liberalen Politik an, schreibt Jan Mainka, der Herausgeber der Budapester Zeitung. Er sieht Ungarn in einer Opferrolle und die Schuld explizit bei zwei Ländern – Deutschland und den USA – die jetzt die Suppe auslöffeln sollen:

„Weder hat Ungarn die Kriege in den Hauptflüchtlingsländern zu verantworten, noch die durch eine zu liberale und undifferenzierte Einwanderungspolitik entstandene Sogwirkung auf potenzielle Flüchtlinge. Nach dem Verursacherprinzip wäre Ungarn jetzt raus aus dem Schneider. Indem sich Deutschland wiederum hinreißend um die Linderung der Folgen der Rohstoff-, Stützpunkt- und Währungskriege des Bündnispartners USA kümmert, bilden diese beiden Länder eine ideale Symbiose. Der eine bombt oder lässt bomben und der andere kümmert sich danach um die Ausgebombten. Der eine macht Flüchtlinge und der andere mag sie.“

Da klappt mir ehrlich gesagt beim Lesen die Kinnlade herunter. Geschickt, wie die Kritik am deutschen „Gutmenschentum“ (Zitat aus Leserkommentar unter besagtem Artikel) auch noch mit pauschalem Antiamerikanismus gespickt wird. Man könnte meinen, kein Journalist sondern ein Foren-Troll habe diesen Kommentar geschrieben. Wasser auf die Mühlen der Hater.

In einem Aspekt ist die Theorie von Herrn Mainka richtig: Ungarn hat tatsächlich eher wenig mit dem Bürgerkrieg in Syrien zu tun, der dem Aufstieg des IS den Weg bereitet hat. Wenn man jemanden für die Instabilität des gesamten Nahen Osten verantwortlich machen möchte, muss man in der Tat einen Blick auf die USA werfen. Gemäß dem „Verursacherprinzip“ nach der Verantwortung Amerikas zu schreien ist jedoch müßig, da die Flüchtlinge in der Praxis nunmal nicht über den Atlantik fahren. Und das alles rechtfertigt auch nicht das Verhalten der ungarischen Regierung in der aktuellen Krise.

Höhnische Aussagen wie „Soll doch Deutschland möglichst rasch in den Genuss seiner Flüchtlinge kommen!“ zeugen von gefährlicher Dummheit. Deutschland hat keinen Aufruf gestartet, damit die Flüchtlinge ihre Heimat verlassen. Solche Anreize sind überhaupt nicht nötig, wenn dort Krieg und Zerstörung herrschen. Die Flüchtlinge kommen so oder so – wir müssen lediglich entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen. Die Abschreckungskampagne der ungarischen Regierung inklusive Stacheldrahtzaun hat insofern ihren Zweck erfüllt, dass jetzt niemand mehr dort bleiben möchte.

Sollen wir deshalb diesem Beispiel folgen und aufhören, die Ankommenden menschlich zu behandeln?

Zum Glück ist Deutschland nicht Ungarn. Aber langfristig muss Europa natürlich gemeinsam handeln. Nicht jedem kann der Wunsch, in „Germany“ unterzukommen, erfüllt werden – wenn es um Frieden und Sicherheit geht können Frankreich oder England ebenso damit dienen. Ich habe jedoch meine Zweifel an einer Zwangsquote. Flüchtlinge in Ländern wie Ungarn unterzubringen, in denen sie nicht willkommen sind und wo sie nicht bleiben möchten, wird überhaupt nichts bringen. Es würde vielleicht sogar Hass schüren. Lieber sollten solche Länder andere, die Flüchtlinge aufnehmen, finanziell unterstützen. Jedenfalls dürfen die europäischen Staaten nicht einfach die Hände in den Schoß legen, die Grenzen abriegeln und wie Viktor Orbán sagen: „Das ist ein deutsches Problem!“ Das Problem geht jeden in Europa etwas an.

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