Flüchtlingsdrama – Zweiter Akt

Flüchtlinge Notunterkunft Zelt Universität Bremen

Sie sind wirklich hier. Ich habe erst vor drei Wochen begriffen, was das eigentlich bedeutet. Das war als ich vor den weißen Zelten stand. Die Flüchtlinge aus dem Radio, dem Fernsehen – sie bekamen plötzlich Gesichter. Sie saßen vor dem Eingang auf hölzernen Klappstühlen und waren real. Mir wurde bewusst, dass ich sie bis jetzt nicht wirklich dafür gehalten hatte, wie das immer so ist, wenn man Dinge nur aus den Medien kennt. Wir interessieren uns, wir glauben Anteil zu nehmen, doch in Wahrheit können wir es uns nicht vorstellen. Es ist für uns so weit entfernt wie der Krieg in Syrien, oder mindestens wie die griechische Insel Kos. Aus dieser Perspektive habe ich schon einmal über Flüchtlinge geschrieben, über die Rettungsmissionen im Mittelmeer und die negative Einstellung vieler Deutscher – auch in meinem Umfeld – zur Aufnahme dieser Menschen in unserem Land. Meine Meinung hat sich nicht geändert, aber das Drama spielt sich für mich nicht mehr auf einer fernen Bühne ab. Es ist zu mir nach Hause gekommen, in meine Stadt. 

Ich denke noch heute oft an die Syrerin, die ich bei meinem ersten Besuch im Flüchtlingslager kennen gelernt habe. Ihr Name ist Rojin. Wir saßen im Spielzimmer auf dem Boden und unterhielten uns mit Händen und Füßen und Gekritzel auf einem Blatt Papier. Sie kam mit ihren Kindern zu Fuß über die Türkei nach Europa. Ob sie einen Mann hat, weiß ich nicht. Auch nicht, wie genau sie nach Deutschland kam. Um mir klar zu machen, weshalb sie aus Syrien fortging, malte Rojin einfach nur eine Waffe mit drei Strichen vor der Mündung, und ahmte Schüsse nach. Schlicht und ergreifend. Furchtbar.

Solidarität über Soziale Medien.

Weshalb hatte ich das Lager überhaupt aufgesucht? Wie viele andere folgte ich dem Aufruf einiger sehr engagierter und bewundernswerter Menschen, die auf Facebook die Seite „Flüchtlingshilfe Bremen“ ins Leben gerufen haben. Heute hat diese bereits über 11.000 Likes. (Zum Vergleich: Die Stadt Bremen hat rund 550.000 Einwohner.) Täglich koordinieren sie die Hilfsbereitschaft der Bremer, indem sie Bedarfslisten der verschiedenen Lager veröffentlichen. Und das ganz ohne Beteiligung der Politik oder Behörden. Eine private Initiative übernimmt die Arbeit, die eigentlich der Staat erfüllen sollte – es macht Hoffnung und ist beunruhigend zugleich. Wenn ihr mich fragt, ist diese Situation bezeichnend für das Flüchtlingsdrama in unserem Land. Ohne die Arbeit der „Flüchtlingshilfe Bremen“ bräche das Chaos aus. Obwohl mir das Herz aufgeht vor Stolz, wenn ich höre, dass in den vergangenen Tagen tausende Bremer mit Sachspenden zu den Zelten kamen – ohne Koordination wird diese Hilfsbereitschaft irgendwann zur Belastung. Kleiderkammern quellen über, im Spielzimmer stapelt sich ein meterhoher Berg von Stofftieren, mit denen niemand spielt und im Klassenraum gibt es einen riesigen Stapel Deutsch-Lehrbücher, die nur für Muttersprachler geeignet sind.

Jeder sollte sich fragen: Helfe ich wirklich? Oder beruhige ich nur mein Gewissen?

Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen ist schließlich geradezu im Trend. Passend dazu ist Facebook zur ultimativen Plattform geworden. Auch ich organisiere meine Aktivitäten ausschließlich dort und muss an dieser Stelle zugeben: Es würde nirgendwo besser funktionieren. Wir gründen Gruppen, sprechen uns ab, laden Namenslisten und Stundenpläne für den Deutschunterricht hoch, und jeder kann sich einbringen. Es ist so einfach zu helfen. Vielleicht ist es zu einfach. Ein Klick auf „Gefällt mir“ genügt und wir fühlen uns schon viel besser, nicht wahr? Man sollte in dieser Hinsicht sehr ehrlich mit sich selbst sein. Wenn man wirklich helfen möchte, sollte man die eigenen Ansprüche zurückstellen. Eitelkeit und Selbstbehauptung haben in einem Flüchtlingslager nichts verloren. Helfen ist ein auf und ab zwischen Freude und Frustration. Es trägt nicht dazu bei, besser zu schlafen – im Gegenteil. Ich muss akzeptieren, dass das, was ich tue, nicht genug ist. Das ist schwer.

Flüchtlinge Notunterkunft Universität Bremen

Flüchtlinge sind keine Hinterwäldler.

Mit den Erlebnissen aus dem Zeltlager im Kopf, schwindet auch das letzte Verständnis für die von Angst und Vorurteilen geprägten Debatten, die man sich heutzutage anhören muss. Beispielsweise die gehässige Frage, weshalb die „armen“ Flüchtlinge Smartphones hätten, oder sogar teure Marken-Kopfhörer oder Tablets. Den Fragestellern möchte ich nur raten, ihren Verstand zu gebrauchen. Wer, denkt ihr, sind die Flüchtlinge? Bedeutet die Tatsache, dass sie unsere Sprache nicht sprechen und aktuell in einem Zelt leben, dass sie damals in ihrer Heimat ebenfalls mittellos waren? Nein. Im Gegenteil – vermutlich zählen gerade diejenigen, die es bis nach Deutschland geschafft haben, zu den Privilegierten ihres Landes. Viele der jungen männlichen Flüchtlinge, denen ich begegnet bin, haben studiert. Sie lebten nicht in Lehmhütten in der Wüste, sie sind keine Hinterwäldler sondern moderne Menschen. Und was ist das erste, was man bei seiner Flucht einpacken würde? Die Technik, mit der man Kontakt zur Außenwelt halten kann.

Die Hater schimpfen die Flüchtlinge Schmarotzer. Sie stellen Vergleiche an: Die Sozialhilfe für Asylanten in Deutschland sei genauso hoch, wie ganze Beamtengehälter in den Herkunftsländern – kein Wunder, dass die Menschen herkämen. Dass die Lebenshaltungskosten hier auch eine ganz andere Hausnummer sind, wird vergessen. Oder kann man ein Leben knapp unter Hartz-4-Niveau als Luxus bezeichnen? Wohl kaum. Schluss mit dem Neid – diese Menschen haben alles verloren. Sie werden niemandem die Butter vom Brot essen. Und wenn sie hier einen Glaubenskrieg anzetteln wollten, hätten sie nicht davor fliehen müssen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Let’s face the fact: 800.000 Flüchtlinge erwartet Deutschland in diesem Jahr. Gleichzeitig hört man Meldungen von rechtsradikalen Angriffen auf Flüchtlingsheime, und von Flüchtlingen, die in ihren Lagern aufeinander losgehen. Blanke Nerven überall. Wir müssen uns zusammenraufen. Der Sommer ist bald vorüber, und dann wird es bitterkalt werden in den Zelten. Offiziell sollen sie vor dem Winter wieder verschwinden – nur glaubt niemand daran.

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