„Visionäre für Nigeria“ – Interview mit James Olusanmi

Nigeria, in Westafrika, ist ein Land erschüttert durch zahlreiche Konflike und soziale Probleme. Seit ungefähr fünf Jahren treibt die Terrororganisation Boko Haram im Norden des Landes ihr brutales Unwesen. Erst kürzlich hat Nigeria einen neuen Präsidenten gewählt, Muhammadu Buhari – einen Ex-Militärdiktator (1982 bis 1985), der die Wahl mit dem Versprechen gewann, die Terroristen auszulöschen. Es ist natürlich viel zu früh, um vorauszusagen, in welche Richtung er Nigeria führen wird. Fakt ist: Er wurde auf demokratische Weise gewählt und der Machtwechsel in der Regierung verlief friedlich. Dennoch bleibt die Situation denkbar schwierig. Nigeria leidet unter großer Armut, Arbeitslosigkeit und hoher Inflation – und das trotz der Tatsache, dass es ein ölreiches Land und die größte Volkswirtschaft südlich der Sahara ist.

Seit etwa einem Jahr bin ich Mitglied des Bremer Vereins „Human & Environment“, der eng mit einer Graswurzel-NGO in Nigeria zusammenarbeitet. Beide Organisationen wurden von dem Nigerianer James Olusanmi gegründet. Vor einigen Monaten war er zu Besuch in Bremen, und ich habe die Gelegenheit ergriffen für ein Interview über sein Heimatland.

James Olusanmi interview Nigeria

Frage: Man hört wöchentlich von Anschlägen der islamistischen Terrororganisation Boko Haram in Nigeria. Würden Sie noch jemanden raten, nach Nigeria zu reisen?

James Olusanmi: Nigeria ist ein großes Land, und die Probleme mit Boko Haram sind bisher im Norden. Allerdings hat die Situation dort auch negative Effekte auf den Süden. Die Menschen aus Nordnigeria migrieren jetzt in den Süden, und dadurch entsteht Wohnungsnot. Die Mieten und das Essen auf dem Markt werden teurer. Das sind einige Effekte von Boko Haram, aber ansonsten ist es friedlich im Süden.

Warum ist der Norden so abgespalten vom Süden Nigerias? Hat Boko Haram kein Interesse, sich nach Süden zu orientieren?

Ich denke nicht. Das ist nur meine Meinung, und man weiß nicht ganz genau, was zu Boko Haram geführt hat und wer hinter dieser Organisation steckt. Aber ich glaube, es hat damit zu tun, dass Nordnigeria seit Jahrzehnten sehr feudalistisch war. Die Menschen haben angefangen, gegen dieses System zu protestieren, und aus diesen Protesten sind die Probleme mit Boko Haram entstanden. Und natürlich hat der Fundamentalismus der muslimischen Religion auch damit zu tun. Was hinter dieser Organisation steckt, weiß keiner so richtig. Und es ist ja nicht so, dass Boko Haram nur Christen umbringt – nein, sie bringen dort auch Muslime um!

Abgesehen von Boko Haram hat Nigeria als größter Ölexporteur Afrikas zurzeit auch wirtschaftlich schwer zu kämpfen. Wie wirkt sich das auf das Leben aus?

Insgesamt haben wir in Nigeria eine sehr hohe Arbeitslosigkeit, obwohl die Regierung alles Mögliche versucht, das zu verbessern. Nigeria ist kein Industrieland. Man hat sich über Jahrzehnte so auf das Öl konzentriert, dass das Einkommen des Landes zu 90 oder fast 98 Prozent darauf basiert. Seit langem haben wir das Problem, dass nicht genug in die Industrie und Landwirtschaft investiert wird. Es wird etwas getan, zum Beispiel werden jetzt Elektrizitätswerke gebaut und Straßen, aber es reicht nicht. Viele Schulabgänger, junge Leute, finden keine Arbeit. Das ist ein großes Problem.

Wie gehen die Nigerianer selbst mit ihrer Situation um?

Die Menschen in Nigeria protestieren nicht unbedingt gerne, nicht wie zum Beispiel in Ägypten. Aber sie haben große Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Ich bin auch der Meinung, dass die Menschen anfangen, sich zu verändern, wenn sie die Konsequenzen von Korruption und Arbeitslosigkeit sehen. Dann kommt ein Umdenken. So könnte sich Nigeria verändern. Aber das größte Problem in Nigeria ist, dass die Menschen kein Geld haben, um ein Geschäft aufzubauen. Deshalb vergeben wir von der Human Relation & Environmental Protection Foundation Mikrokredite: Um ihnen die Chance zu geben, selbstständig zu sein.

Sie sprechen von der Nichtregierungsorganisation, die Sie in Nigeria gegründet haben. Nach welchem System vergeben Sie diese Mikrokredite?

Wir bringen Gruppen von 10, 20 oder 30 Menschen zusammen und vergeben einen ersten Kredit von 150 Euro pro Person. Das Geld zahlen sie innerhalb von 26 Wochen zurück mit insgesamt 20 Prozent Zinsen. Natürlich, bei den Zinsen werden sich viele erschrecken. Aber unser finanzieller Aufwand muss gedeckt sein. Und die Idee ist, dass die Leute mit den 150 Euro wöchentlich Waren kaufen und verkaufen, so dass sie im Monat einen Umsatz von 600 Euro haben. Die kommerziellen Banken vergeben in dieser Größenordnung nie Kredite. In Afrika und auch in Nigeria gab es schon lange unterschiedliche Mikrokredit-Systeme mit teilweise viel höheren Zinsen.

Und das funktioniert?

Ja, man lernt von Erfahrungen. Inzwischen prüfen wir noch genauer: Kann diese Person das Geld zurückzahlen? Am Anfang haben wir fast 40 Prozent unseres Startkapitals verloren, aber jetzt muss jeder Kreditnehmer zwei Bürgen nennen. Heute sind wir bei einer Rückzahlungsquote von etwa 98 Prozent.

Darüber hinaus engagieren Sie sich mit Ihrer Organisation auch im Energiesektor: Sie haben eine kleine Biogas-Anlage für Privathaushalte entworfen. Warum brauchen die Leute in Nigeria Biogas?

Es besteht die Notwendigkeit, Energie zu gewinnen. Viele Frauen laufen kilometerweit zu Fuß in den Wald, um trockene Äste und Holz zu sammeln zum Kochen. Diese Praxis gibt es seit Jahrzehnten. Aber heute kann man aus organischen Abfällen, die ohne Luft vergären, ganz einfach Biogas zum Kochen gewinnen. Biogas für Haushalte wird schon in Asien eingesetzt, und langsam kommt es jetzt auch nach Afrika. Das Biogas würde viele Probleme der Leute eliminieren. Nur sind sie Menschen noch nicht genug informiert, und die Regierung ist nicht an regenerativer Energie interessiert. Aber vielleicht bringt die Ölkrise sie dazu, sich bald nach Alternativen umzusehen.

Das heißt, das Öl ist zur Zeit die Hauptenergiequelle in Nigeria?

Ja, Benzin, Diesel, Gas und Kerosin sind die Hauptenergiequellen. Aber nicht für die untere Schicht der Gesellschaft. Für die Reichen – ja, die können sich einen Generator und Diesel kaufen, um sich mit Elektrizität zu versorgen. Die armen Leute in Nigeria können sich das nicht leisten. Also ist es besser, wenn sie mit ihren Toiletten- und Essensabfällen selbst Biogas erzeugen können. Und das ist es, worauf wir uns mit unserem Projekt konzentrieren.

Was könnte die Regierung denn tun, um das Biogas voranzutreiben?

Erstmal: Visionäre Politiker muss man haben, die solche Sachen verstehen und auch dafür einstehen. Und auch die Bevölkerung muss darüber aufgeklärt werden, was Biogas ist. Aber solange die Regierung den Bau von Biogas-Anlagen nicht subventioniert, kann es nicht gut funktionieren.

Ist ein solches Umdenken in der nigerianischen Politik möglich? Vielleicht schon bald?

Ja, ich glaube, die Politik in Nigeria ist schon viel weiter als vor zehn Jahren. Afrika hat sich gewaltig entwickelt, aber vor allem auf der materiellen Ebene. Mehr Leute haben Autos oder Häuser, aber es fehlen noch so viele Dinge, besonders im Energiesektor. Nur wenn die Regierung mitmacht, kann man von einem besseren System reden. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich mit der Zeit alles ändern kann. Nur wann, weiß man nicht. Vielleicht ist die Ölkrise ein Signal für Nigeria.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich, was wünschen die Nigerianer sich für ihr Land?

Sie wünschen sich eine friedliche Zeit, ohne ethnische und religiöse Konflikte und Boko Haram. Sie wünschen sich, dass es eine bessere Wirtschaft und Investitionen im Land gibt. Sie wünschen auch, dass sich die Inflation reduziert, damit sie sich wieder etwas leisten können. Das sind die Wünsche der Menschen in Nigeria.

 

Zur Person:

Der Nigerianer James Olusanmi wurde 1945 in Ibadan geboren. Anfang der 70er Jahre studierte er Elektrotechnik an der Universität Bremen. Anschließend ging er für die Firma Siemens zurück nach Nigeria. 2004 gründete er dort die „Human Relation & Environmental Protection Foundation“, eine Nichtregierungsorganisation, die bis heute vor allem im Bundesstaat Osun im Südwesten des Landes tätig ist. Die Stiftung vergibt Mikrokredite und setzt sich ein für die Nutzung von regenerativer Energie (Biogas). Sie wird unterstützt von dem Bremer Verein „Human & Environment e.V.“. James Olusanmi lebt und arbeitet in Lagos und Osogbo.

 

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